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Ausstellungen im Foyer des Staatsarchivs, überraschende Entdeckungen in unseren Unterlagen, spannende Anfragen von unseren Kundinnen und Kunden: Im Rahmen von vier Rubriken präsentieren wir Ihnen Ausgewähltes in loser Folge.

Keep calm and call your archive!

Wohnungsbrände, verlorene Umzugskartons, irrtümliche Entsorgungen: Die Mitarbeitenden des Staatsarchivs haben schon von manchem Malheur gehört. Bei Y. M. geschah es beim Umzug. Sie hatte in den 1990er Jahren die Schule für Pflegeassistenz am Kantonsspital besucht. Jetzt ist ihr Diplom weg. 

Ausbildungsnachweise und Abschlusszeugnisse gehören zu den wichtigsten persönlichen Unterlagen. Sie sind mit viel Arbeit und Mühe erworben, werden sorgsam aufbewahrt – und gehen trotzdem immer wieder verloren. Das Staatsarchiv bewahrt deshalb die Abschluss- und Diplomnoten von sämtlichen kantonalen Berufs-, Mittel- und Hochschulen dauerhaft auf.

Die verlorenen Abschlussnoten von Y. M. sind deshalb schnell wiederbeschafft. Sogar die Registrier-Nummer ihrer Schwesternbrosche – das Erkennungszeichen der Pflegenden – ist überliefert. Na dann: Hals- und Beinbruch!

Maturanden der Kantonsschule am Burggraben, 1919. Bildquelle: StASG A 507/11.2.037

History sells!

Die Geschichte von staatlichen Institutionen und privaten Firmen steht nicht nur für Tradition und Kontinuität. Sie hat auch Marketing-Potenzial.

U. B. arbeitet für das Unternehmensarchiv eines 1872 gegründeten Konzerns. Gerade entwickelt sie ein «Heritage Center» für den Um- und Neubau des Zürcher Hauptsitzes. Dabei soll auch die Tätigkeit eines frühen Verwaltungsratspräsidenten in Singapur erwähnt werden. Bei ihrer Recherche im Archivverzeichnis des Staatsarchivs ist U. B. nun auf einen sogenannten Sackzettel gestossen, den sie zur Illustration verwenden möchte.

Mit solchen Zetteln hat die Weberei Matthias Naef & Cie. aus Niederuzwil um 1885 ihre Stoffballen etikettiert. Diese wurden in die ganze Welt exportiert, u.a. auch zu Hooglandt & Co. in Singapur. Gegen eine Gebühr erhält U. B. eine digitale Reproduktion des Sackzettels in hoher Auflösung.

Handsticker und Fädlerin, um 1910. Bildquelle: StASG W 238/10.00-03

Manche Erinnerungen schmerzen.

«Warst du nicht in diesem Heim?», meint der Mann von S. H., als er in einer Ostschweizer Tageszeitung den Bericht über das ehemalige Kinderheim zum Andwiler in Thal liest. S. H. hat ihren Heimaufenthalt während all den Jahren verdrängt. Nun möchte sie mehr wissen: Gibt es im Staatsarchiv Informationen zu diesem privaten Heim? Gar Kinderakten? S. H. hat Glück: Durch glückliche Umstände sind die Kinderdossiers 2015 ins Staatsarchiv gelangt, obwohl dieses private Heim schon 1980 mangels Nachfrage geschlossen wurde.

Bei den Informationen zu Heim-, Verding- oder Pflegekindern handelt es sich um besonders schützenswerte Personendaten. Als direkt Betroffene bekommt S. H. natürlich unbürokratisch Einblick in ihre Personenakte. Für Dritte sind diese Unterlagen jedoch grundsätzlich nicht zugänglich. Forschende können beim Staatsarchiv jedoch ein Gesuch für Akteneinsicht stellen. Falls dieses bewilligt wird, müssen sie in ihrer Forschungsarbeit aber sämtliche Personendaten anonymisieren.

Die allgemeinen Unterlagen zum Heim, die keine Personendaten enthalten, können im Lesesaal des Staatsarchivs ohne Gesuch eingesehen werden. Literatur zum Thema Heim- und Verdingkinder finden Interessierte in der angeschlossenen Forschungsbibliothek.

Kinder aus dem Kinderheim am Alvier, Oberschan, 1938. Bildquelle: StASG W 283/1-02724

Der hingesudelte «Brodeur»

Nicht wenige Kundinnen und Kunden des Staatsarchivs kommen wieder und wieder. Und werden in ihrem Interessensgebiet zu eigentlichen Experten. So auch H. S. Der pensionierte Ingenieur erforscht seit Jahren die international vernetzte Geschichte der frühen Textilindustrie, ihrer Innovationen, Pioniere und Maschinen. Aktuell interessiert er sich für Franz August Michel. Michel wurde 1806 im damals noch zu Frankreich gehörenden Glovelier geboren, arbeitete später in Mulhouse und zog 1830 in die Stadt St.Gallen. 1835 bringt hier seine Frau ihr viertes Kind zur Welt.

Aber warum zum Teufel haben viele Pfarrer kaum leserlich geschrieben? Das Wort hinter Michels Namen im Taufregister können leider auch die Mitarbeitenden des Staatsarchivs nicht mit Sicherheit entziffern. Könnte es «Brodeur» (= Sticker) bedeuten? Peut-être.

In solchen Fällen kratzen sich Archivarinnen und Archivare am Kopf – in der Regel kurz –, kurbeln dann an einem Roll-Regal und steuern auf die richtige Archivschachtel zu. Et voilà: In einem gedruckten und damit auch leicht lesbaren Verzeichnis der Stadt St.Gallen von 1833 findet sich der besagte Michel mit der Berufsangabe Sticker. Darin steht auch, dass der Jurassier vorher «Aufseher in der Mange-Schiessischen Stickerei» in Mulhouse gewesen sei. Von so einem Betrieb hat H. S. in all seinen Forscherjahren noch nie gehört. «Sensationell!», findet er.

Nachstickerinnen von Grub, um 1900. Bildquelle: StASG CK 13 A 4.4-1.30

Wo kommen die kleinen und grossen Geschichten her?

«Wie viele Kinder werden in der Fabrik beschäftigt?»
«Werden Kinder bei gesundheitsgefährlichen Arbeiten und Prozessen verwendet?»
«Kommen körperliche Züchtigungen vor?»

Diese und weitere Fragen finden sich auf einem vorgedruckten Umfragebogen, mit welchem die Behörden 1869 Informationen über die sogenannten «Fabrikkinder» eingeholt haben. Neu war das Phänomen keineswegs: Bereits 1812 hatte der Kanton St.Gallen eine erste Untersuchung über die Kinderarbeit durchgeführt. Aber erst das eidgenössisches Fabrikgesetz von 1877 regelte die Fabrikarbeit auf nationaler Ebene. Ab diesem Zeitpunkt ist die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren in Fabriken verboten.

J. W. arbeitet mit weiteren Studierenden der Pädagogischen Hochschule St.Gallen an einem Projekt zur Textilindustrie. Die angehenden Lehrpersonen haben das Staatsarchiv bereits bei einer Archivführung kennengelernt. Nachdem sie sich in die Thematik eingelesen haben, transkribieren sie nun im Lesesaal – bei Bedarf unterstützt durch Archivmitarbeitende – die einschlägigen Archivalien. Sie prüfen diese dabei auch auf deren Tauglichkeit für den Einsatz im Schulunterricht. Denn wenn die Schülerinnen und Schüler wissen, wo die historischen Informationen und Unterlagen herkommen, finden sie später auch selber den Weg ins Archiv. Beispielsweise dann, wenn sie eine Studien- oder Diplomarbeit schreiben müssen.

Jugendlicher Bauarbeiter am Walensee, 1938. Bildquelle: StASG W 263/021

Was wir nicht wissen, wissen andere!

Schon mal vom «Wildmuser Apfel» aus Grabs gehört? P. E. aus dem Zürcher Oberland engagiert sich für die Förderung von solchen alten Obstsorten. Für einen Artikel sucht er nach historischen Quellen. Leider bringt die Recherche der Archivmitarbeitenden nichts zu Tage. Wie es aber der Zufall will, arbeiten gerade zwei erfahrene Werdenberger Lokalhistoriker im Lesesaal. Beiden ist der «Wildmuser» sehr wohl ein Begriff! Die Sorte sei vor allem in der regionalen Hotellerie als Dessertapfel beliebt gewesen. Denn er zerfalle nicht beim Kochen.

 

Die beiden Gewährsleute vermuten, dass die Obstspezialisten E. K. oder H. O. in Salez mehr dazu wüssten. Selbstverständlich wird dieser Befund P. E. mitgeteilt. Denn wo immer möglich, vermittelt das Staatsarchiv Kontakte zu weiteren (historischen) Kompetenzzentren in seinem Netzwerk: staatliche und private Archive, (Fach-)Bibliotheken, Museen, Bildungsinstitutionen, Historische Vereine und Forschende.

Teilnehmer am kantonalen Baumpflegekurs in Flawil, 1919. Bildquelle: StASG W 275/1.25

Alltägliches als Knacknuss

Welches Ereignis verbindet den Kanton St.Gallen mit Napoleon Bonaparte? Oder: Welches Spital hat die St.Galler Ärztin Frida Imboden-Kaiser gegründet? Zu solch zentralen historischen Ereignissen, Institutionen und Persönlichkeiten findet man in den Bibliotheken oder im Internet schnell und bequem Informationen (Tipp: www.hls.ch). Vermeintlich banale Fragen des Alltags erweisen sich dagegen oft als Knacknüsse: Wieviel kostete 1835 – beispielsweise – das Porto für einen Brief von Sargans nach Kopenhagen?

Für solche historischen Posttarife interessiert sich R. F. aus Deutschland. Er weiss von einem Vertrag, den der Kanton St.Gallen damals mit der deutschen Thurn-und-Taxis-Post abgeschlossen hatte. Ist dieser Vertrag im Staatsarchiv archiviert? Ja, natürlich. Und zwar zusammen mit den von R. F. besonders gesuchten Tariflisten: Das Briefporto von Sargans über Rorschach und Frankfurt am Main nach Kopenhagen betrug stolze 60 Kreuzer.

Briefträger auf den Flumserbergen, um 1910. Bildquelle: StASG W 238/05.06-09

Feng Shui anno 1888

Wer die Geister der Vergangenheit nicht fürchtet, kann wie E. L. gut in einem Altbau leben. Er bewohnt ein ehemaliges Dorfschulhaus und sucht dazu historische Bauakten und -pläne. Ist das Gebäude etwa nach Plänen des Architekten Theodor Gohl erstellt worden? Gohl wirkte von 1880-1891 als Kantonsbaumeister von St.Gallen. Verfügt das Staatsarchiv über einen Nachlass von Gohl? Oder gar über die Pläne des besagten Gebäudes? Leider weder noch. In der umfassenden Karten- und Plansammlung des Staatsarchivs sind aber Baupläne von 1888 für den Neubau des Schulhauses in Frümsen überliefert. Die Entwürfe stammen von Gohl und geben einen Eindruck davon, wie der Architekt die Räume eines vergleichbaren Schulhauses geplant und eingeteilt hatte.

Im gleichen Jahr, 1888, hat Gohl auch einen Ratgeber für den «Bau von Volks-Schulhäusern» verfasst: Die Gebäude müssten so gebaut werden, dass Schüler und Lehrer «so freundlich berührt und empfangen werden, dass sie gerne in und bei den ihnen angewiesenen Räumen weilen.» Ob dieser Grundsatz auch für die Wärter und Gefangenen der von Gohl umgebauten Strafanstalt in St.Gallen gegolten hat?

Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Quinten, 1903. Bildquelle: StASG S 005/023

Back to the roots!

H. R. arbeitet am Stammbaum seiner Familie. Dabei ist er im Bürgerregister der Gemeinde Untereggen auf Anna Maria Paulina R. gestossen. Sie wurde am 24. Dezember 1883 geboren – genau wie ihr Bruder. Waren die beiden also Zwillinge? Warum aber ist Annas Eintrag durchgestrichen?

Die Antwort findet sich im Zivilstandsregister von Untereggen. Hier werden seit 1876 sämtliche Geburten, Ehen und Todesfälle chronologisch eingetragen: Das an Heiligabend 1883 um 3 Uhr nachts geborene Mädchen gehört zur Bauernfamilie L., und ist mit H. R. gar nicht verwandt.

Vielleicht spürte der Zivilstandsbeamte Eberle noch den Glühwein, als er das Christkindlein im Bürgerregister eingetragen hat? Bestimmt war er in festlicher Stimmung. Denn Annas Eltern hiessen mit Vornamen ganz weihnächtlich «Maria» und «Joseph».

Als Christkind und Engel verkleidete Mädchen, um 1900. Bildquelle: StASG A 558/9.4.37

Wappen + Siegel = Archiv

Diese klassische Gleichung ist auch dem Archäologen M. F. bekannt. Er schickt uns Bildaufnahmen von einem Siegelstempel. Dieser ist 2019 bei einer Ausgrabung wieder zum Vorschein gekommen. Das darin eingravierte Wappen zeigt ein Herz und zwei Rosen: Wer hatte damit einst seine Briefe versiegelt?  

Das Wappenbuch der Stadt St.Gallen enthält eine Darstellung, die mit dem Siegelstempel übereinstimmt. Das Wappen verweist auf die Familie Erpf. Die Buchstabenfolge «I R E» im Stempelbild könnte damit für Johann Reinhard Erpf stehen, einen 1637 eingebürgerten Schulmeister aus der Pfalz.

Dieser wird sich wohl gefragt haben, wo sein Siegelstempel bloss hingekommen ist? Beim Spazieren verloren? Oder von einem Lausbuben stibitzt?

Standartenreiter am Festumzug zum Kantonsjubiläum, 1953. Bildquelle: StASG A 004/07.12.02-02

Erwischt!

E. B. interessiert sich für Mathilde Bühlmeier, die wahrscheinlich erste Fotografin in St.Gallen. 1867 hatte die Tochter eines Kunstmalers ihr erstes Atelier eröffnet. 1882 ging sie Konkurs. 1883 sass sie hinter Gittern, zusammen mit ihrer Mutter Therese. Was war passiert?

Laut archiviertem Gerichtsurteil haben die beiden Frauen «auf photographischem Wege» 20-Franken-Noten gefälscht. Zehn Stück davon konnten sie in Umlauf bringen. Dafür kassierte Mathilde ein Jahr, und ihre Mutter sechs Monate Zuchthaus. Der bislang gute Leumund und die materielle Not wirkten sich strafmildernd aus.

Von Mathilde Bühlmeier ist – paradoxerweise – kein Foto überliefert. Dafür eine Beschreibung im Verzeichnis der Insassinnen: Die 37-Jährige war 156 cm gross und von mittlerer Statur, sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe und – gute Zähne.

Fotografin am St.Galler Kinderfest, um 1950. Bildquelle: StASG ZMA 18/01.15-43

Tisch und Bett teilen ohne Trauschein?

Heute kein Problem. Früher ein Strafdelikt! D. S., Autorin und Verlegerin, schreibt gerade an der Biographie über eine international bekannte St.Galler Künstlerin. Sie möchte wissen, bis wann es Paaren im Kanton St.Gallen untersagt war, unverheiratet zusammenzuleben?

Die historischen Gesetze und Verordnungen sind im Staatsarchiv umfassend dokumentiert – und bieten oft überraschende Einsichten: Das sogenannte Konkubinatsverbot galt bis zum Jahr 1984! Erst dann wurde es – wie die Regierung in ihrer damaligen Botschaft erläuterte – als «unzeitgemässer Tatbestand» ersatzlos abgeschafft: Man habe das Verbot «wegen Beweisschwierigkeiten» ohnehin kaum durchsetzen können…

Hochzeitspaar aus Waldkirch, um 1900. Bildquelle: StASG W 300/4.4-41

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Staatsarchiv Kanton St.Gallen

Regierungsgebäude, Klosterhof 1
9001 St.Gallen

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