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Vor kurzem erhielt das Staatsarchiv St.Gallen aus dem Altbestand des Rätischen Museums in Chur einzelne, den Kanton St.Gallen betreffende Dokumente geschenkt. Darunter befanden sich auch ein Prospekt und ein handschriftlicher Brief aus der Luft- und Molkenkuranstalt «Zum Sternen» in Unterwasser, vermutlich aus dem Jahr 1894. Diese Quellen erlauben einen Einblick in die Frühzeit des Tourismus im oberen Toggenburg.

Dort hatte sich, begünstigt durch die 1870 eröffnete Eisenbahnlinie von Wil nach Ebnat, eine richtige Kurlandschaft entwickelt. Erholung suchende Stadtmenschen genossen das für sein Klima gepriesene Tal vor alpinem Hintergrund. Eher preisgünstig, bescheiden und familienfreundlich, unterschied sich das Toggenburg deutlich von den mondänen Kurorten in anderen Teilen der Schweiz und ermöglichte so einem breiteren Publikum Ferien- und Erholungsaufenthalte.

 

Wendelin Looser, Fuhrhalter in Unterwasser und Betreiber einer einfachen Gastwirtschaft, erkannte Ende der 1870er Jahre das Potential seiner Liegenschaft und baute sie zu einer Kuranstalt aus. 15 Jahre später pries er sie in einem Prospekt als einen für «Erholungsbedürftige, Rekonvaleszenten jeglicher Art» sowie für «anämische, chlorotische, für solche mit Katarrh der Luftwege Behaftete, für Phthisische, etc.» besonders geeigneten Aufenthaltsort an.

Für auf heutige Verhältnisse umgerechnete 50 bis 56 Franken pro Tag erhielt man Vollpension. Dazu gehörte ein «Kaffee komplet» zum Frühstück, eine Suppe und zweimal wöchentlich Fleisch, resp. Forelle mit Gemüse sowie ein Dessert zum Mittagessen, ein «Kaffee komplet» zum «Zvieri» und schliesslich noch eine Suppe und «ein Fleisch mit Gemüse» zum Nachtessen. Auf Wunsch wurde darüber hinaus morgens und abends frische Kuhmilch serviert. Andere Getränke waren offenbar im Pensionspreis nicht enthalten, jedenfalls findet sich im Prospekt der Vermerk, es würden «reelle Getränke» ausgeschenkt. Am Ende des Aufenthalts wurde zudem als Obulus «in die Verschönerungskassa zur Verbesserung der Wege etc.» ein Franken erhoben.

An Infrastruktur bot das Kurhotel warme und kalte Bäder oder Duschen im eigenen Haus, eigene Fuhrwerke für Ausflüge bis nach Feldkirch oder Ebnat, eine gedeckte Kegelbahn und Ruheplätze im Wald. Ein Kurarzt und «schöne Wirtschaftslokale» seien in der Nähe vorhanden, ebenso ein Post- und Telegraphenbüro. Für sportlich Ambitioniertere wurden Wanderungen (damals noch «Bergpartien» genannt) empfohlen, sei es mit oder ohne Bergführer.

Neben dem Prospekt ist auch ein Brieffragment überliefert. Ein handschriftlicher Vermerk datiert es auf Juli 1894. Der Text berichtet über ein Phänomen, das nach der Jahrhundertwende schweizweit zur Gründung von Heimat- und Naturschutzvereinigungen führen sollte. Touristinnen und Touristen sammelten und pflückten bei ihren Aufenthalten in der Natur nämlich im grossen Stil Blumen und Pflanzen. Da letztere oft in ökologisch fragilen Umgebungen gediehen, liefen sie Gefahr, ausgerottet zu werden. Auch in diesem Brief spricht die Absenderin (oder der Absender) davon, Alpenrosen und Männertreu sammeln zu wollen, um sie nach Hause zu nehmen oder verschenken zu können. Einzig der Umstand, dass niemand sie (oder ihn) begleiten wollte - «Niemand geht mit[,] sie mögen nicht steigen» - hatte dieses Vorhaben bislang verhindert.

Hinweise und Erklärungen:
anämisch: blutarm
chlorotisch: bleichsüchtig (infolge Verminderung des Blutfarbstoffes)
phthisisch: spezifische Form der Lungentuberkulose

Staatsarchiv St.Gallen, W 200/76.01

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