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02.04.2020 – Durch den Klimawandel verursachte steigende Wassertemperaturen begünstigen die Ansiedlung wärmeliebender sowie gebietsfremder Arten und bringen zuweilen eine ungeahnte Fauna zur Erscheinung. Quallen im Bodensee, wer hätte das gedacht?

Bildquelle: Institut für Seenforschung (ISF), Langenargen
Bildquelle: Institut für Seenforschung (ISF), Langenargen

Die Süsswasserqualle im Bodensee

An warmen Tagen mit hohen Wassertemperaturen ist es in geschützten Buchten im Bodensee möglich Quallen zu begegnen. Scheinbar überrascht das viele, denn Quallen werden überwiegend mit dem Meer in Verbindung gebracht und nicht mit Schweizer Seen. Nicht ganz zu Unrecht, denn im Süsswasser kommen nur wenige Arten vor und alle werden der Klasse der Hydrozoa zugeordnet.  Die Süsswasserqualle Craspedacusta sowerbii wurde 1999 erstmals im Bodensee im Harder Becken entdeckt und zuletzt im Hitzesommer 2018 beobachtet. Ursprünglich stammt die Süsswasserqualle aus Ostasien, hat sich mittlerweile aber vollumfänglich in Europa etabliert.

Systematisch wird die Süsswasserqualle dem Stamm der Nesseltiere – den Cnidaria zugeordnet. Ein exklusives Merkmal der Nesseltiere sind die Nesselzellen. Sie sitzen in der äussersten Schicht der Haut und bilden im inneren eine hochspezialisierte Zellorganelle, die sogenannten Cniden oder Nesselkapseln, die besonders zahlreich in den Tentakeln liegen. Sie sind mit einem Nesselgift versehen, das über einen Explosionsmechanismus freigesetzt wird. Die Nesselgifte sind Nervengifte, die Krampf- und Lähmungserscheinungen verursachen und für den Beutefang oder zur Verteidigung gegen Fressfeinden eingesetzt werden. Im Gegensatz zu einigen im Meer vorkommenden Nesseltieren ist das Nesselgift von der Süsswasserqualle für den Menschen ungefährlich.

Generationswechsel zwischen Meduse und Polyp

Die Nesseltiere durchlaufen eine Metagenese, eine Form des Generationswechsels, bei dem der Wechsel zwischen ungeschlechtlich und geschlechtlich fortpflanzenden Generationen stattfindet. Der Generationswechsel umfasst unterschiedliche Lebensstadien, die je nach Art oder Fortpflanzungsstrategie variiert. Die Bezeichnung «Qualle» bezieht sich nur auf ein Lebensstadium der Nesseltiere, auf das der Meduse. Die Meduse ist das freischwimmende Stadium, bei dem eine Fortbewegung im Wasser passiv mit der Strömung oder aktiv nach dem Rückstossprinzip erfolgt. Gegen Strömungen können Medusen jedoch nur schwach anschwimmen. Als freischwimmendes Stadium gehört die Meduse zum Zooplankton. Als geschlechtliche Generation entwickelt sie Keimdrüsen und aus dem befruchteten Ei entsteht ein Planula-Larve. Diese bildet eine Basalplatte aus mit der sie sich am Substrat festsetzt, so entsteht ein Polyp. Der Polyp ist das sessile Stadium und pflanzt sich ungeschlechtlich fort. Durch Querteilung können sich weitere Polypen entwickeln oder durch Knospung auf ungeschlechtlichem Wege Medusen entstehen.

Die Süsswasserqualle durchläuft als einzige Süsswasserart einen typischen Generationswechsel der Nesseltiere, die anderen Arten treten ausschliesslich als Polypen auf. Zudem kann sie eine Überdauerungsform bilden, wenn die Wassertemperatur unter 10 Grad Celsius sinkt. Durch die Abschnürung von Gewebeteilen formen sich wurmartige Gebildet, die Frusteln genannt werden. Diese Frusteln können sich aktiv im Substrat bewegen und bei geeigneten Bedingungen wieder als Polyp wachsen. Die Polypen sitzen bevorzugt auf strömenden oder angeströmten Hartsubstrat in sauberen und nährstoffarmen Gewässern mit einer optimalen Wassertemperatur von 19 – 25 Grad Celsius. Erst bei einer Wassertemperatur von über 25 Grad Celsius findet die Meduse einen geeigneten Lebensraum vor und entwickelt sich aus dem Polypen. Die Meduse wird maximal 2,5 Zentimeter gross und besteht zu 99,3 Prozent aus Wasser. Der Polyp hingegen ist mit einer maximalen Grösse von 3 Millimeter wesentlich kleiner. Entsprechend unscheinbar ist die Art, überschreitet die Wassertemperaturen die 25 Grad Celsius Marke nicht.

Neozoen im Bodensee

Die Süsswasserqualle ist keine einheimische Tierart und zählt daher zu den Neozoen. Wie die Art aus Ostasien nach Europa gelangte, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Die Einwanderung gebietsfremder Arten steht jedoch häufig in Verbindung mit anthropogenen Aktivitäten. Die erhöhte Mobilität der Menschen, die Öffnung von Schifffahrtswegen über biogeografische Grenzen sowie der interkontinentale Warenverkehr begünstigen die Einschleppung nicht einheimischer Arten. Die Süsswasserqualle zeigt im Gegensatz zu anderen gebietsfremden Arten kein invasorisches Ausbreitungsverhalten, welches sich normalerweise durch hohe Fortpflanzungsraten oder ein aggressives Raumnutzungs- oder Fressverhalten bemerkbar macht. Arten mit einem invasiven Verhalten haben das Potential, Artengemeinschaften erheblich zu stören und zu verändern, indem sie andere Arten verdrängen oder ihre Nischen stark überlappen. Zudem verursachen sie vielfach ökonomische Schäden. 

Der Bodensee erlebte bereits mehrere Einwanderungswellen gebietsfremder Arten. Augenfällige Beispiele sind der Dreistachlige Stichling (Gasterosteus aculeatus), die Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha) oder die Grobgerippte Körbchenmuschel (Corbicula fluminea). Seit 2016 bereitet die Quagga-Muschel (Dreissena rostriformis var bugensis) durch ihre rasante Ausbreitung Unbehagen. Ihre Auswirkungen auf das Ökosystem werden deshalb mittels Monitoring beobachtet. Eine Ausbreitung im Bodensee kann jedoch nicht mehr verhindert werden.

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