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Publiziert am 27.08.2019 16:31 im Bereich Allgemein

Rund 100 Personen haben am Montagabend am zweiten öffentlichen Anlass der St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat teilgenommen. Das Thema war «Die Stellung der Frau in den Religionsgemeinschaften». Die intensive Diskussion zeigte, dass Religionsgemeinschaften viel zur Verbesserung der Situation von Frauen beitragen können. Es besteht aber auch das Risiko, dass religiös geprägte Frauen gleich in zweifacher Weise diskriminiert werden.

Mit einem Bild von Wonderwoman, die als erste klassische Comic-Superheldin gilt, begann Dr. Anna-Katharina Höpflinger von der Ludwig-Maximilian-Universität München einen viel beachteten Vortrag am zweiten öffentlichen Anlass der St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat. Der Anlass war dem Thema «Die Stellung der Frau in den Religionsgemeinschaften» gewidmet und fand im Waaghaus in St.Gallen statt. In ihrem Referat zeigte Anna-Katharina Höpflinger auf, dass Judentum, Christentum und Islam in ihren Anfängen zunächst frauenfreundliche Züge aufwiesen, die aber ab der Spätantike zum Teil durch frauenfeindliche Tendenzen ersetzt wurden. Die heutige Stellung der Frau in den Religionsgemeinschaften könne nicht generalisiert werden, sagte Höpflinger an der Tagung am Montagabend. Die Situation hänge stark von verschiedenen Faktoren wie Alter, Bildung, Zivilstand oder finanzielle Möglichkeiten ab. Auch seien die einzelnen Religionsgemeinschaften nicht homogen, sondern es bestehe eine grosse Bandbreite an Glaubensauffassungen in Judentum, Christentum und Islam. 

Probleme muslimischer Frauen 

Gerade Frauen in der muslimischen Gemeinschaft seien heute mit einer doppelten Diskriminerung konfrontiert, erklärte Lejla Medii, Vizepräsidentin des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (DIGO). Zum einen müssten sie sich innerhalb der muslimischen Gemeinschaften behaupten. Zum anderen hätten Kopftuch tragende muslimische Frauen in der Schweiz zum Beispiel mit Benachteiligungen im Arbeitsmarkt zu kämpfen. Dabei seien eine gute berufliche Situation und eine gute Bildung wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration und eine starke Stellung von Frauen innerhalb der Religionsgemeinschaften. Ein Problem bei der Weiterentwicklung der religiösen Geschlechterrollen sei auch die schwierige finanzielle Situation der muslimischen Gemeinschaften. 

«Ein komplizierter Tanzschritt»

Mit einem komplizierten Tanzschritt verglich Regierungsrat Martin Klöti mit Blick auf die Gleichstellung der Geschlechter das Verhältnis zwischen Staat und Religionsgemeinschaften: Nach einem offensiven Schritt nach vorne zur Abklärung von potenziellen Diskriminierungen in Religionsgemeinschaften müsse notwendigerweise ein Schritt zurück erfolgen, im Sinne einer Rückbesinnung auf jene staatlichen Werte, die für alle Einwohnerinnen und Einwohner verbindlich seien. Denn als Hüter der Religionsfreiheit schütze der Staat auch die Ausübung von Lebensformen, die von vielen als unzeitgemäss empfunden würden. Dies betrifft etwa das Tragen eines Kopftuchs durch Schülerinnen. Martin Klöti betonte, dass die Religionsgemeinschaften unter anderem mit ihrer Funktion als Begegnungsorte sehr viel in Sachen Gleichstellung bewirken könnten, etwa wenn es um die Beratung bei Problemen im Arbeitsleben gehe. All das sei im Interesse der Gesellschaft und auch im Interesse des Staates. 

Bedeutung von demokratischen Strukturen 

Sowohl Batja Guggenheim, Co-Präsidentin der Jüdischen Gemeinde St.Gallen, als auch Pfarrer Daniel Konrad von der Christkatholischen Kirchgemeinde St.Gallen wiesen in ihren Beiträgen auf die Bedeutung von demokratischen Rechten und Strukturen hin. Durch das Wahl- und Stimmrecht von Frauen hätten sich die Gewichte verschoben, womit eine Verbesserung der Stellung der Frau einhergegangen sei.