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Soziale Fähigkeiten im Rahmen der Digitalisierung

Der Hype ist enorm und viele mögen es eigentlich schon nicht mehr hören: Wirtschaft und Gesellschaft und mit ihnen die Schule werden mit Haut und Haaren digitalisiert. Die Digitalisierung ist ein mächtiges Schicksal und bringt uns einen Berg von Herausforderungen und Veränderungen. Die Welt von morgen wird uns alle verändert haben. Es fliesst viel Geld in die Anstrengungen, die Digitalisierung zu stemmen.


Es trifft zu, dass wir in einer technologischen Revolution stehen und grosse Anstrengungen unternehmen müssen, um in dieser bestehen zu können. Ich frage mich aber manchmal, ob der Hype der Digitalisierung bis in alle Zukunft so anhält oder ob er nicht vielleicht einmal an-hält. Revolutionen hatten immer ein Ende. Allerdings: Die Welt sah nach der Revolution nie mehr so aus wie vor ihr.

 

Die Digitalisierung wird zur Selbstverständlichkeit

Es wird einmal der Moment kommen, in dem wir die Digitalisierung «hinter uns haben» – hüten wir uns deshalb, diejenigen zu verspotten, die ihr Ende schon heute herbeisehnen. Aber: Nach dem Ende der Digitalisierung wird es nicht so sein, wie diejenigen vielleicht hoffen, welche das Ende herbeisehnen. Es wird keine Rückkehr zur Vor-Digitalisierung geben, sondern einen Übergang in eine Post-Digitalisierung. Die Digitalisierung wird nicht enden, wohl aber die Diskussion um sie, weil sie für die Menschen selbstverständlich geworden ist. Nachhaltig an der Digitalisierung sind nicht Technologiesprünge an sich, sondern es ist unsere Einstellung zu diesen.

Und da bringe ich mich als Bildungspolitiker ins Spiel. Die Schule hat einen Auftrag mit langem Schnauf. Sie bereitet die jungen Menschen auf das Leben als Erwachsene vor, vermittelt Werte und Verantwortungsbewusstsein. Wie bringt sie denn diesen Auftrag mit dem Raketenflug der digitalen Revolution in Einklang? Im Kanton St. Gallen wollen wir auf diese Fragen mit unserer IT-Bildungsoffensive Antworten liefern. Die St. Galler IT-Bildungsoffensive soll nachhaltig sein und nicht das fremdgesteuerte Funktionieren in der digitalen Welt, sondern das selbstverantwortete Gestalten dieser Welt fördern. Die St. Galler Stimmbevölkerung wird am 10. Februar 2019 über einen Sonderkredit von 75 Mio. Franken zugunsten der IT-Bildungsoffensive abstimmen.

Was geschieht nachher, wenn die Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft «angekommen» ist? Was bedeutet Schule in einer Welt, in der das Digitale so selbstverständlich geworden ist, dass niemand mehr darüber spricht? Ich bin überzeugt, dass es zwei Schlüsselkompetenzen

gibt, die zentral aus der Digitalisierung hervorgehen und Voraussetzung dafür sind, dass die technologischen Sprünge gemeistert werden können: Flexibilität und Gemeinsinn. Die Schule muss diese Kompetenzen ins Zentrum ihres Unterrichts und ihrer Erziehung stellen.

 

Flexibilität und Gemeinsinn sind die neuen Schlüsselkompetenzen

Weil die Technologie sich immer rascher erneuert, müssen die Menschen in Zukunft zum

einen in jeder Hinsicht flexibel sein. Sie müssen spontan entstehende Optionen erkennen,

deren Chancen und Risiken abwägen und motiviert zugreifen oder besonnen verzichten

können. Sie müssen auch trainiert sein, mit einem Scheitern klarzukommen.

Zum anderen ist Gemeinsinn gefordert: Mit der digitalen Technologie kann sich zwar der einzelne Mensch für sich allein fast grenzenlos entfalten. Das heisst aber nicht, dass er

sich auch in seinem Umfeld grenzenlos durchsetzen kann. Im Gegenteil: Weil die digitale

Welt alle und alles vernetzt, erhöht sie die Transparenz und damit die soziale Kontrolle

und schränkt damit die Wirkung des einzelnen Menschen in der Gesellschaft ein. Das ist

gut so: Im Privaten ist die Freiheit des Einzelnen hochzuhalten, aber im Zusammenspiel

der Menschen sind durchlässige und tolerante Settings angesagt, ist der Eigensinn durch

Uneigennützigkeit abzulösen. Das gilt gerade auch für Personen mit Führungsverantwortung.

Es geht dabei nicht darum, die Verantwortlichkeiten zu verwässern, sondern darum, die Potenziale aller Menschen optimal auszuschöpfen.

Die Schule, der berühmte Spiegel der Gesellschaft, muss die jungen Generationen auf ein

flexibles, von Gemeinsinn geprägtes Leben vorbereiten. Sie muss die Menschen für das

lebenslange Umsteigen von alten zu neuen Gewohnheiten und für den ständigen Ausstieg

aus den Komfortzonen und den permanenten Einstieg in neue Perspektiven und Handlungsfelder trainieren.

 

Soziale Fähigkeiten fördern

Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, dass in der digitalisierten Welt gar nicht so

sehr die technisch-digitalen Kompetenzen ausschlaggebend sind. Denn diese erreichen

die Menschen sowieso. Vielmehr kommt es in der digitalisierten Welt auf die nicht-digitalen,

menschlichen Kompetenzen an: Eingliederungsvermögen, Fähigkeit zu kommunizieren,

Transparenz und Weltoffenheit, Kreativität, kritisches Denken, Kritikfähigkeit, Durchhaltevermögen… Das sind die sogenannten Soft Skills oder Human Skills. Gerade sie sind

die Basis für Flexibilität und Gemeinsinn. Und in diesen Skills ist unsere Schule stark.

Denn sie steht in der Tradition von Heinrich Pestalozzi, der uns Bildung an Kopf, Hand

und Herz gelehrt hat. Wenn unsere öffentliche Schule sich von der Technologie nicht hypnotisieren lässt, sondern diese zwar annimmt, aber der Menschlichkeit im Sinn von Heinrich

Pestalozzi unterordnet, dann behält sie ihre Stärke. Je mehr digitale Zukunft uns abholt,

desto mehr aufgeklärte Tradition gehört in unser Gepäck.

 

Stefan Kölliker

Regierungspräsident und Vorsteher Bildungsdepartement


Bildung - Soziale Fähigkeiten im Rahmen der Digitalisierung (11.12.2018 08:49)


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