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Ein Skispringer als kulturelles Phänomen

Walter Steiner ist eine Legende. Als Skispringer hat er in den 1970er-Jahren mehrfach Gold- und Silbermedaillen gewonnen. Und er hat Kultstatus – nicht nur für eingefleischte Skispring-Fans. Im Zentrum einer Ausstellung unter dem Titel «Ein Stück weit Pionier» stehen nun in Lichtensteig Fragen nach dem Traum vom Fliegen, dem Zwang zum Siegen und dem, was uns alle weiter bringen könnte.


Walter Steiner hatte ein absurdes Problem; er sprang zu weit, flog über die Weltbestmarken im Skispringen hinaus und landete im Flachen statt am Hang – das war bisweilen lebens­gefährlich. Freiwillig verkürzte er darum auch im Wettkampf den Anlauf und startete weiter unten. Mit dem Film «Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner» von 1974 des international angesehenen Regisseurs Werner Herzog hat sich der 1951 geborene Wildhauser in die kollektive Erinnerung eingeschrieben und ist zur Kultfigur weit über die Sparte Sport hinaus geworden. Eine Ausstellung im Wartsaal des Bahnhofs in Lichtensteig geht nun dem Phänomen Walter Steiner nach und beleuchtet dabei exemplarisch Schnittstellen zwischen künstlerischem und körperlichem Können wie auch zwischen Sport und Geisteswelten.

 

Schanzenbau für bessere Chancen

 

Walter Steiner selber sah im Herzog-Film allerdings weniger die Gelegenheit sich als Star feiern zu lassen, als vielmehr die Möglichkeit, sein dringendes Anliegen bekannt zu machen: die Sprungschanzen müssen neu gebaut, den Entwicklungen angepasst werden, damit sie dem Menschen und seinen Möglichkeiten zu fliegen, und nicht dem Spektakel und Profit dienen. Rund 20 Jahre hat es gedauert, bis sein Anliegen und seine Vision Realität geworden und die Schanzen neu gebaut worden sind. Parallel zu den nationalen und inter­nationalen Erfolgen als Skispringer und -flieger absolvierte Steiner im Bildhauer-Atelier von Johann Ulrich Steiger in Flawil von 1968 bis 1972 eine Ausbildung zum Holzbildhauer. Für ihn bedeutete dies die Möglichkeit, das Skispringtraining während der handwerklichen Tätigkeit mental voranzutreiben. Seit 1990 lebt Walter Steiner nach Jahren als Trainer in Deutschland und den USA im schwedischen Falun, wo er bis vor kurzem als Restaurator, aber auch schon als Koch und Therapeut gearbeitet hat. Nun ist er für acht Wochen mit der Ausstellung «Ein Stück weit Pionier – Walter Steiner» zurück im Toggenburg.

 

 

«Ein Stück weit Pionier»

 

Der Satz, der auch Titel der Ausstellung  ist, kommt ebenso nachdrücklich wie beiläufig, greift aus, blickt in die Zukunft - und bremst: «Ich war eben ein Stück weit Pionier», sagt Walter Steiner und meint damit seine unkonventionelle Art zu trainieren, nämlich «gerade so, wie ich es für richtig empfinde, selbst dann, wenn es anderen zu kompliziert scheint». «Gerade so, wie ich es für richtig empfinde» ist bis heute seine Trainingsmethode; seit ein paar Jahren ist er ambitionierter Langläufer und wurde dabei – in der Kategorie der über Sechzigjährigen – Weltmeister. Eigenwillig und fast visionär mutet heute auch sein Engagement für Ernäh­rungsfragen an, für Heilungsmethoden, sein Einsatz für einen respektvollen Umgang mit Ressourcen und für den Landschaftsschutz.

 

Vier Themen, viel Engagement und ein Herzstück

 

Aus den Gesprächen mit Walter Steiner, seinen Interessen und seinen Leidenschaften wurden für die Ausstellung «Ein Stück weit Pionier» vier Themenstränge bestimmt: «Fliegen und Träumen», «Schanzen- und Chancenbau», «Respekt und Ressourcen» sowie «Rückzug, Warten, Einkehr». Den einzelnen thematischen Feldern sind ausgewählte Bild­werke zugeordnet – Holzschnitzereien, die Walter Steiner in den Siebziger- und Neunziger­jahren hergestellt hat. Verschiedene Objekte, Fotos, Fundstücke, Filme, Briefe, Textstücke und anderes mehr vertiefen und visualisieren die thematische Auslegeordnung auf ebenso verspielte wie informative Art. Ein eigentliches Herzstück der Ausstellung sind die zehn sogenannten «Zeigbücher», Erinnerungsalben von Walter Steiner mit Fotografien, Zeitungs­berichten, Fan-Post und vielem mehr aus der Zeit von 1971 bis 1979, die für die Ausstellung digitalisiert worden sind und nun dem Publikum zur Verfügung stehen.

 

Kunst für Walter Steiner

 

Die Ausstellung ist die zweite Station der Veranstaltungsreihe «Kulturraum S4». Diese möchte dem kulturellen Erbe rund um den Säntis (entlang der Bahnlinie S4) im Dialog mit zeitgenössischem Kunstschaffen verstärkt Aufmerksamkeit, im besten Fall überraschende und neuartige Sichtbarkeit geben. Im Resonanzraum von Walter Steiner als Kultfigur und als Mensch mit humanistischer Denkweise bereichern Künstlerinnen und Künstler die Ausstel­lung mit ausgewählten oder eigens für die Ausstellung entwickelten Werken. Dazu gehören Rolf Graf, Lutz/Guggisberg, Yves Mettler, Elisabeth Nembrini, Roman Signer, Giorgia Vian, Birgit Widmer. Ein Veranstaltungsprogramm, bei dem weder eine exklusive Vorführung des Films von Werner Herzog noch die Skispringerliedersänger Christoph & Lollo fehlen, greift die Walter Steiner am Herzen liegenden Themen in assoziativer Weise auf und verifiziert deren aktuelle Bedeutung und Relevanz.

 

Die Ausstellung dauert vom 22. März bis 13. Mai 2018

Öffnungszeiten: Mi–Fr 16–19 Uhr, Sa/So 12–17 Uhr

Flyer Ausstellung «Ein Stück weit Pionier»

PDF-Datei Flyer Ein Stück weit Pionier.pdf (549 kB, PDF)   08.03.2018

Allgemein - Ein Skispringer als kulturelles Phänomen (08.03.2018 09:44)


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