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Administrative Anstaltseinweisung: Forschungsbericht publiziert

Die Historikerin Sybille Knecht hat die Geschichte der Administrativen Versorgung im Kanton St.Gallen wissenschaftlich erforscht. Ihr im Auftrag des Staatsarchivs des Kantons St.Gallen verfasster Bericht gewährt Einblicke in einen Bereich der jüngeren Geschichte, der die direkt Betroffenen, aber auch die Forschung und die Politik bewegt.


Die „Administrative Versorgung“ von so genannt „arbeitsscheuen“ oder „liederlichen“ Menschen war eine fürsorgerische Zwangsmassnahme, die schweizweit bis zum Jahr 1981 angeordnet wurde. Behörden konnten die Betroffenen administrativ, das heisst auf dem Verwaltungsweg ohne Gerichtsentscheid, in Arbeits- oder Strafanstalten einweisen. Ziel der Anstaltsunterbringung war die Umerziehung der Eingewiesenen zu „nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft“. Im Gegensatz zu anderen Zwangsmassnahmen wurde die Administrative Versorgung ausschliesslich auf Erwachsene angewandt.
 

Administrative Versorgung im Kanton St.Gallen

 

Auch im Kanton St.Gallen war in den Jahren von 1872 bis 1971 ein entsprechendes Gesetz über die Versorgung „arbeitsscheuer“ und „liederlicher“ Personen in Zwangsarbeitsanstalten in Vollzug. Sämtliche St.Galler Gemeinden beantragten solche Zwangsversorgungen. Allein zwischen 1894 und 1939 genehmigte der Regierungsrat rund 1800 entsprechende Versorgungsentscheide. Von der Einweisung betroffen waren zumeist Männer. Im Jahr 1971 wurde das Versorgungsgesetz schliesslich aufgehoben, weil es unter anderem gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstiess.

 

In den Jahren 2010 und 2013 fanden Gedenkanlässe statt, an denen sich der Bundesrat bei den administrativ versorgten Menschen und den Opfern weiterer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen für das geschehene Unrecht entschuldigte. Das Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen vom 21. März 2014 bezweckt denn auch, den Betroffenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Im Fokus des vom Staatsarchiv initiierten und begleiteten, vom Amt für Kultur unterstützten und vom Lotteriefonds des Kantons St.Gallen finanzierten Forschungsprojekts von Sybille Knecht stehen die historische Grundlagenforschung sowie die Klärung der Aktenlage. Zielsetzung war es, eine Darstellung über die Entwicklung der rechtlichen Grundlagen und des Vollzugs, über die beteiligten Akteurinnen und Akteure sowie über die Zahl der Betroffenen zu erarbeiten. Mit der Publikation im Rahmen der Schriftenreihe des Staatsarchivs hat der Kanton St.Gallen hinsichtlich der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines vieldiskutierten Kapitels der jüngeren Sozialgeschichte nun einen ersten, auch im nationalen Kontext beachtenswerten Schritt getan. Der Bericht richtet sich nicht allein an Historikerinnen und Historiker oder die Politik, sondern insbesondere auch an die interessierte Öffentlichkeit.

 

Der Bericht kann in gedruckter Form beim Staatsarchiv bezogen werden.

 


Allgemein - Administrative Anstaltseinweisung: Forschungsbericht publiziert (11.11.2015 08:54)


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