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Kantonale Werkbeiträge und Romaufenthalte vergeben

Zehn Werkbeiträge des Kantons St.Gallen und vier symbolische Hausschlüssel für die neu erstmalig durch den Verein "Freunde Kulturwohnung Rom" finanzierte Atelierwohnung in Rom konnte Regierungsrat Martin Klöti am Donnerstagabend im Theater Parfin de Siècle in St.Gallen an Kunstschaffende übergeben. Zuvor wurden 82 Bewerbungen für Werkbeiträge in fünf Kunstsparten und 14 Bewerbungen für einen Aufenthalt in Rom in einem zweistufigen Verfahren juriert.


Bei der feierlichen Übergabe am Donnerstagabend im St.Galler Theater "Parfin de Siècle" konnten 14 Kunstschaffende aus der Hand von Regierungsrat Martin Klöti, Vorsteher des Departementes des Innern, Werkbeiträge und symbolische Hausschlüssel für die Atelierwohnung in Rom entgegennehmen. Bei der jährlichen Vergabe zeigt sich, wie vielfältig, innovativ und qualitativ hochstehend das kulturelle Schaffen im Kanton St.Gallen ist. So soll die Unterstützung die nötige Zeit geben, Ideen, Projekte und Werke auszuarbeiten und die künstlerische Tätigkeit weiterzuentwickeln und auszuloten. Nun erhalten die folgenden Kunstschaffenden einen Werkbeitrag in der Höhe von 20'000 Franken: Sebastian Marbacher, Zürich/angewandte Kunst; Martin Benz, Teufen; Tine Edel, St.Gallen; Anna Frei, Zürich; Rachel Lumsden, St.Gallen; Loredana Sperini, Zürich; Jiajia Zhang, St.Gallen/alle bildende Kunst; Werner Rohner, Zürich/Literatur sowie Stefan Baumann, Teufen, und Michael Pelzel, Stäfa/beide Musik. Einen dreimonatigen Romaufenthalt im Zeitraum 2014/2015 können Karin Reichmuth, Goldingen; Marco Kamber, Zürich, Marlies Pekarek, St.Gallen/alle bildende Kunst, sowie Iris Betschart, St.Gallen/angewandte Kunst, in ihren Agenden vermerken.

 

Der umtriebige Designer

 

Die Design-Projekte von Sebastian Marbacher oszillieren zwischen Produktgestaltung und Installation, Aktion und Interaktion. Er geht mit offenen Augen durch die Welt, tastet mit einem gestalterischen Blick die Umgebung ab, stellt Fragen und nimmt mit seinem unbändigen Erfindergeist und einer guten Portion Humor Anteil. Den Werkbeitrag möchte er für die Weiterführung und Vertiefung seiner Design-Interventionen und -Entwicklungen verwenden.

 

Facetten der bildenden Kunst

 

Im Fotografie-Projekt "Rückbau" befasst sich Martin Benz mittels einer Lochkamera und langen Belichtungszeiten mit dem Abbruch von Gebäuden. Über Tage zeichnet sich der ganze Prozess auf einem lichtempfindlichen Diafilm ab und dokumentiert schemenhaft und in durchscheinender Präsenz diese zeitlich begrenzten Zustände von verschwindenden Industriegebäuden in der Schweiz.

 

Ebenfalls um Fotografie und Langzeitbelichtungen handelt es sich bei Tine Edel und ihrem Projekt "Bei Nachtlicht". Sie sucht gezielt nach Orten mit einer besonderen Qualität und der Magie der Dunkelheit, um sie zu inszenieren und festzuhalten, und um sie in ihrer sehr eigenen fotografischen Bildsprache zum Ausdruck zu bringen.

 

Für Anna Frei ist kulturelle Arbeit eine emanzipatorische, kollektive Praxis. Sie geht von der Situation in St.Gallen aus, deren Textilgeschichte und der aktuell in Gang gesetzten Debatte über institutionelle Verantwortung bezüglich Aufarbeitung und Erschliessung von Sammlungsobjekten. Sie plant einen Museumsführer als sich prozesshaft füllende Box mit handlichen Heften in künstlerischem Selbstverständnis. Der Werkbeitrag soll dazu beitragen, die Recherchen weiterzuführen und das öffentliche Gespräch über Verantwortung, Geschichte, Rassismus, Nation und Grenzen voranzutreiben.

 

Rachel Lumsden setzt sich in ihrer Malerei mit Farbe als Material und Komposition als Inhalt auseinander und interessiert sich für das Erzeugen von Bildern, für den Bildschaffungsprozess als Teil von Erinnerung im Raum, als Teil freien Assoziierens, als Teil auch von Geschichte. Sie nimmt anstelle eines Projektziels "bloss" – und vielleicht metaphorisch – zwölf Blatt Papier, zwölf Leinwände und zwei Dutzend Chancen.

 

Die Künstlerin Loredana Sperini ist heute vor allem durch ihre Wachsarbeiten bekannt und möchte sich in der Gusstechnik weiterbilden, um ihr faszinierendes skulpturales Werk voranzutreiben. In ihren Arbeiten stehen oft Personen im Zentrum, fragile, sinnliche Darstellungen von Gesichtern in Form von Wandreliefs oder gegossenen Fingern und Händen in koloriertem Wachs.

 

Schliesslich geht ein weiterer Werkbeitrag an eine Fotografin, an Jiajia Zhang. Auch sie beschäftigt sich mit dem Raum. Das Geplante und Durchstrukturierte, welches sich hinter der Fassade des Alltäglichen verbirgt, demaskiert sie mit ihrer natürlichen Betrachtungsweise. Oftmals richtet sie den Blick von ganz oben oder ganz unten in die hintersten Winkel der menschgemachten Umgebung.

 

Vom Ende der Schonzeit

 

Der Schriftsteller Werner Rohner erzählt unaufgeregt in einer ruhig rhythmisierten Sprache von Dingen des Alltags, vom Sichtbaren, aber auch von unterschwellig sich äussernden Spannungen und Zweifeln. Es handelt sich um das, was man "stille Literatur" nennen könnte: um den Ich-Erzähler, der Distanz zwischen sich und seine Mutter schaffen will, um die Geschichte der Ablösung und die eher widerwillig in Angriff genommene Suche nach dem abwesenden Vater.

 

Musikalische Besonderheiten

 

Der Werkbeitrag von Stefan Baumann fliesst in die Entwicklung eines Prototyps und ermöglicht die Forschung, die auch in der Kreativwirtschaft immer wichtiger werden wird. Unter Wahrung der Tradition, dem akustisch erzeugten Klang des Cellos, wird er zusammen mit dem Geigenbauer Severin Heeb ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Instrument anfertigen: Sechs statt vier Saiten erweitern den Tonumfang und die Tonqualität in der Tiefe Richtung Kontrabass und in der Höhe Richtung Viola.

 

Seit neuerem stehen verschiedene Formen des Musiktheaters im Interesse des Komponisten Michael Pelzel. Nun macht er sich ans Werk einer Kurzoper mit dem Titel "Diabelli Prestidigitateur". Diese wurde durch die gleichnamige Erzählung des Schweizer Schriftstellers Hermann Burger angeregt und vereint Sänger, Instrumentalistinnen, ein computergesteuertes Midi Piano, das von selbst spielt, Musikautomaten, Trickspiegel, ein Turntablist sowie Fragmente von Burgers Originaltext.

 

Wege nach und in Rom

 

Bis jetzt hat sich die in Goldingen und Eschenbach aufgewachsene Künstlerin Karin Reichmuth den Norden zu eigen gemacht. Empfohlen wurde der gelernten Steinmetzin allerdings stets der Süden, da sie in ihrer Berufslehre Baupläne von römischen Wasserleitungen sowie Säulen- und Kuppelbauten studierte. Nun geht es endlich nach Rom, wo sie als Denk- und Arbeitsform den Spaziergang durch den urbanen Raum wählen wird, Objekte und Situationen im erweiterten malerischen Raum schaffen und vor Ort gefundene Themen und Geschichten integrieren möchte.

 

Der Grundpfeiler von Iris Betscharts Arbeiten heisst "second life". Ihre verwendeten Textilien sind gebraucht, auf Flohmärkten erstanden und werden geflickt oder neu zusammengesetzt, bemalt und so verändert, dass sie bereit sind für ein zweites Leben. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Textilkünstlerin auch selbst ein temporäres "second life" wünscht, zumindest für drei Monate in der Atelierwohnung in Rom. Sie erhält Distanz zum St.Galler Arbeitsplatz und Zeit, sich intensiv anderen Dingen und Recherchen widmen zu können, vor allem ihrer speziellen Technik, dem "Bleach-Painting".

 

Vor etwas mehr als zwei Jahren fragte Marco Kamber auf Twitter „Zürich oder Sankt Gallen?“ Nun wird der Ostschweizer Wahlzürcher nach Rom gehen: Der gewünschte Tapetenwechsel und die formulierte Hoffnung, fern der alltäglichen Eingebundenheiten der eigenen künstlerischen Arbeit nachgehen zu können, werden Wirklichkeit. Im Fokus steht sein Interesse für städtebauliche Installationen und die nachfolgenden Eingriffe im urbanen Raum sowie die Erweiterung seiner grossen Fotosammlung, die seit Jahren am Entstehen ist.

 

Wie eine gezielte Vorbereitung auf den Rom-Aufenthalt muten die Installation "Gladiatoren und Kolosseum" und die Malerei eines Gladiators auf Metzgerpapier von Marlies Pekarek an. Parallel zu ihren Arbeiten führt sie seit bald dreissig Jahren ein künstlerisches Tagebuch. Diesen Diskurs zwischen subjektiven Beobachtungen, Politik, Brauchtum, Alltag und mehr wird sie auch in Rom fortsetzen.


Allgemein - Kantonale Werkbeiträge und Romaufenthalte vergeben (27.06.2014 08:29)


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