Der St.Galler Naturgeschichte auf der Spur
Herr Jost, Sie haben Anfang dieses Jahres die Leitung der neu ins Leben gerufenen Fach- und Meldestelle für naturwissenschaftliche Funde im Kanton St.Gallen übernommen. Was hat Sie dazu motiviert?
Zuvor hatte ich in einem analytischen Labor gearbeitet. Obwohl diese Arbeit sehr interessant und abwechslungsreich war, fehlte mir das Arbeiten draussen und mit der Natur. Ich hatte mich darum in meiner Freizeit mit Geologie und Naturgeschichte der Ostschweiz beschäftigt und etwa einen halben Tag pro Woche ehrenamtlich am Naturmuseum St.Gallen gearbeitet. Als diese Stelle geschaffen wurde, habe ich mich sofort darauf beworben, da ich die Aufgabe sehr spannend und wichtig finde. Sie bietet mir die einmalige Gelegenheit, mich mit der Naturgeschichte meines Heimatkantons St.Gallen auseinanderzusetzen und Neues aus anderen Fachbereichen zu lernen.
Und was waren und sind Ihre Ziele in den ersten Monaten?
Meine Ziele lassen sich grob in zwei Bereiche aufteilen. Einerseits will ich mich mit dem Kanton vertraut machen: es ist das erste Mal, dass sich jemand systematisch um die naturwissenschaftlich wichtigen Fundobjekte aus dem Kanton kümmert und viele solcher Objekte aus den letzten etwa 200 Jahren Forschungsgeschichte liegen in den Sammlungen des Naturmuseums St.Gallen. Diese Objekte erlauben eine gute Übersicht über die Naturgeschichte des Kantons. Und als Teil meiner Arbeit bin ich dabei, solchen Objekten nachzuspüren und Informationen und Geschichten zu ihnen zusammenzutragen. Andererseits erarbeite ich eine Grundlage, um den «naturwissenschaftlichen Wert» eines Fundobjekts abschätzen zu können. Denn nur solch wertvolle Objekte gelten als «Naturkörper» und müssen vom Kanton geschützt, geborgen, fachgerecht aufbewahrt, dokumentiert und vermittelt werden. Natürlich hängen beide Bereiche zusammen.
Welche Arten von Funden werden Ihrer Meldestelle am häufigsten gemeldet – und welche davon sind aus wissenschaftlicher Sicht besonders wertvoll?
Fossilien sind häufig wertvoll, weil sie unter Umständen neue Hinweise zur geologischen Geschichte der Ostschweiz und der Entstehung des Lebens geben können. Ab und zu erhalten wir auch potenzielle Meteoriten, relativ schwere, metallisch-rostige Klumpen, die im Bachbett oder auf dem Kiesweg schnell auffallen. Bislang war jedoch keines dieser Objekte ein Meteorit, sondern meistens alte Eisenschlacke oder rostige Eisen-Mineralien. Die Unterschiede sind nicht immer klar und mit blossem Auge erkennbar. Meteoriten sind wissenschaftlich immer wertvoll, da sie seltene und durch unsere Erde und ihre Prozesse unveränderte Proben aus dem Weltall sind. Aus der Schweiz sind bislang erst elf Meteoriten bekannt, keiner davon aus dem Kanton St.Gallen.
Immer wieder machen Privatpersonen überraschende Entdeckungen beim Wandern, Bauen oder Graben. Was sollten sie tun, wenn sie einen möglichen naturwissenschaftlich bedeutenden Fund machen?
Sie sollten den Fund baldmöglichst melden. Idealerweise wird die Meldung mit den wichtigsten Eckdaten zum Fund begleitet: Name und Kontakt der Finderin oder des Finders, Fundort, Datum und Uhrzeit und vielleicht ein Foto mit Massstab, das zum Beispiel das Objekt im Vergleich mit einer Münze, einem Buch oder einer Banane zeigt. Falls es ein grösserer oder zerbrechlicher Gegenstand ist, oder der Gegenstand teilweise in der Erde steckt, sollten keine weiteren Veränderungen am Fundort vorgenommen werden.
Wie entscheiden Sie, ob ein Fund wissenschaftlich relevant ist und weiter untersucht werden sollte?
Wenn der Fund das bestehende Wissen zur Naturgeschichte des Kantons um neue Erkenntnisse erweitern kann, gilt er als wissenschaftlich wichtig. Dies muss von Fall zu Fall entschieden werden und ist auch nicht immer gleich von Beginn an offensichtlich. Zurzeit arbeite ich an einem Kriterienkatalog, der helfen soll, diese Entscheidung etwas weniger willkürlich zu machen. Weiter arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachbereichen zusammen, wo ich nicht über das nötige Fachwissen verfüge.
Gibt es im Kanton St.Gallen Regionen, die aus geologischer oder paläontologischer Sicht besonders spannend sind? Wenn ja, welche?
Oh, schwierig, denn je nach Interesse ist es überall spannend und es gibt auch im Kanton St.Gallen viele interessante Orte. Besonders bekannt aber sind die Höhlenbären-Knochen, die Emil Bächler und Kollegen vor gut 100 Jahren im Drachenloch oberhalb Vättis und im Wildmannlisloch im Obertoggenburg ausgegraben hatten. Obwohl diese Ausgrabungen schon lange her sind und schon mehrfach untersucht wurden, bleiben sie für die Forschung weiterhin aktuell, da sich unser wissenschaftliches Verständnis und analytische Methoden ständig weiterentwickeln. Daneben gibt es wichtige Fossilien aus dem Toggenburg (Wattwil bis Krummenau), die eine feuchtwarme Auenwald-Landschaft vor rund 25 Millionen Jahren dokumentieren, in der kleinere Verwandte des heutigen Flusspferdes gelebt haben. Oder aus Rorschach und St.Gallen liegen viele Fossilien vor, die von einer untiefen Meeresbucht mit Muscheln, Krebsen, Haien und Rochen vor etwa 18 Millionen Jahren erzählen. Weiter gibt es den spannenden «Blockhorizont» im Sittertobel, wo Kalkstein-Brocken gefunden wurden, die vor etwa 14 Millionen Jahren bei einem katastrophalen Meteoriteneinschlag im süddeutschen Nördlingen etwa 180 Kilometer weit bis nach St.Gallen geschleudert wurden.
Welche Rolle spielen Hobby-Sammlerinnen und Hobby-Sammler für Ihre Arbeit? Wo liegen Chancen, wo auch Herausforderungen?
Hobby-Sammlerinnen und -Sammler spielen die alles-entscheidende Rolle, da sie viele der wichtigen Funde machen oder gemacht haben. Naturfunde sind ein gutes Beispiel für «Citizen Science», denn alle Interessierten können etwas beitragen. Andererseits sammeln viele Liebhaberinnen und Liebhaber natürlich für die eigene Sammlung. Da ist es verständlich, dass es nicht immer gern gesehen wird, wenn der Kanton kommt und Anspruch auf die gesammelten Objekte erhebt, auch wenn es das Gesetz ist. Es ist ein Dialog, der moderiert werden muss und einen Kompromiss braucht. In der Vergangenheit hat dies nicht immer stattgefunden und an einigen Orten wurde das Sammeln von Naturobjekten grundsätzlich verboten, um das Abwandern, das Verkaufen oder das spurlose Verschwinden von wissenschaftlich wichtigen Funden zu verhindern. Das wiederum hat das Hobby unattraktiv gemacht und dazu geführt, dass nur noch wenige sammeln. Ein verwandtes Beispiel ist die Suche nach Mineralien und Kristallen: mit Ausnahme von Pfäfers gibt keine St.Galler Gemeinde mehr Patente zum Strahlen ab.
Der Klimawandel, Gletscherrückgang und Extremwetter legen zunehmend bisher verborgene Fundstellen frei. Verändert das Ihre Arbeit oder die Zahl der Meldungen?
Das kann gut sein. Zum Beispiel wurde vor einigen Jahren dank tauendem Permafrost die Neuerschliessung einer weiteren «Höhlenbärenhöhle» im Alpstein möglich. Sicher ist, dass unsere Arbeit auch helfen soll, solche Veränderungen in der Natur zu dokumentieren, zum Beispiel mit dem Neuauftreten einer Art im Kanton oder dem regionalen Aussterben einer anderen.
Wie arbeiten Sie mit Universitäten, Museen und anderen Fachstellen zusammen, um Funde wissenschaftlich auszuwerten und langfristig zu sichern?
Das ist ein Ziel für die nähere Zukunft, denn einige der historisch wichtigen Funde aus dem Kanton dürften in Sammlungen von Institutionen in Zürich, Bern, Basel oder Genf liegen. Diese werde ich besuchen und gleichzeitig auch Kontakte knüpfen. Vertreter der naturwissenschaftlichen Sammlungen in der Schweiz treffen sich auch jährlich an einer Fachtagung. Daneben haben viele meiner Kolleginnen und Kollegen so wie auch ich Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in unseren jeweiligen Fachgebieten. Weiter gibt es noch die Meldestelle für archäologische Funde im Kanton St.Gallen. Auch da kennen wir uns und stehen im Austausch.
Können Sie von einem Fund erzählen, der Sie persönlich besonders beeindruckt hat – und warum?
Vor wenigen Wochen wurde uns aus einer Baustelle in der Stadt ein Findling gemeldet, also ein grosser Brocken aus «fremdem» Gestein, der während der Eiszeit mit einem Gletscher aus dem Gebirge hierher transportiert wurde. Der Block war ziemlich eindrücklich, etwa so gross wie ein Lieferwagen aber 20-mal schwerer. Leider war der Findling wissenschaftlich nicht einmalig und der Aufwand, ihn zu schützen, zu bergen und an einen passenden Ort zu transportieren, somit nicht gerechtfertigt. Trotzdem konnten wir die wissenschaftlich relevanten Daten und auch einige Bruchstücke für weitere Untersuchungen sammeln.
Was wünschen Sie sich von der Bevölkerung im Umgang mit naturwissenschaftlichen Funden, und welche Bedeutung haben diese Funde für das Verständnis der Geschichte und Natur des Kantons St.Gallen?
Ich wünsche mir, dass wir alle ab und zu nach draussen gehen und mit offenen Augen die Natur entdecken und schätzen, was wir an ihr haben. Vielfach meinen wir, dass heute alles bekannt und erforscht sei. Wenn wir uns aber etwas in ein Thema vertiefen, wird schnell klar, wie viel noch unbekannt ist und wie viel es noch zu entdecken und zu lernen gibt.
- Zur Person
Benjamin Jost ist 40 Jahre alt und wohnt in Winterthur. Nach dem Geologie-Studium mit verschiedenen Stationen (Zürich und London) und Forschungsarbeiten in Namibia und Neuguinea, arbeitete er im Bereich der natürlichen Rohstoffe (ehemals Schweizerische Geotechnische Kommission, heute Fachstelle Georessourcen Schweiz) an verschiedenen Museen (Basel, Zürich, St.Gallen) sowie in einem analytischen Labor in der Industrie (Omya International AG, Oftringen).
In seiner Freizeit gibt er Führungen im Braunkohle-Besucherbergwerk Käpfnach bei Horgen am Zürichsee, spielt Bassgitarre in einer Band und ist Kampfrichter im Kunstradfahren, einer Sportart, die er früher selbst ausgeübt hat, in Uzwil. Daneben liest und wandert er gerne oder fährt Velo.
- Die Meldestelle für Naturfunde
Im April 2025 hat die St.Galler Regierung die Verordnung zum Schutz und zur Überlieferung von naturgeschichtlichen Funden, sogenannten «Naturkörpern», erlassen. Die Verordnung trat per 1. Juni 2025 in Kraft. Zuständige kantonale Stelle ist das Amt für Kultur, das seine Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum St.Gallen ausübt. Das Naturmuseum nimmt als Meldestelle für naturwissenschaftlich bedeutsame Funde auf Kantonsgebiet die Hinweise aus der Bevölkerung auf neu entdeckte Naturkörper unter naturkoerper@naturmuseumsg.ch entgegen. Weitere Infos: Naturmuseum St.Gallen | Kantonale Meldestelle für Naturfunde neues Fenster
