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Otmar

Nr. 1

 

Otmar[i]

 

Von ca. 720 his nach dem 1. März 759.[ii] Otmar wurde gegen Ende des 7. Jahrhunderts in Alemannien, möglicherweise im Thurgau geboren. Seine Erziehung fand er in Chur, wo er in einem besondern Verhältnis zum Präses Viktor stand. Um 720 berief ihn der Centenar des Arbongaues Waltram nach der Zelle des hl. Gallus, damit er der dortigen Brüdergemeinde vorstehe und für die Erhaltung ihrer Rechte sorge. Otmar traf, wenn auch in bescheidenem Masse, bauliche Veränderungen. Auch für Arme und Sieche baute er ein Haus. Als 747 Karlmann, der Bruder Pippins III., nach Italien ins Kloster ging, kam er über St.Gallen und empfahl die Stiftung seinem Bruder. Dieser veranlasste Otmar zur Einführung der Benediktinerregel, schenkte ihm auch einige Zehntpflichtige im Thurgau und eine Glocke. Von einer Übertragung Sankt Gallens an Karl Martell und der Erteilung eines Immunitätsprivilegiums durch Pippin, wie Ratpert uns berichtet, kann aber keine Rede sein.

 

Unter Otmar begannen die Schenkungen an die Galluszelle bereits reichlicher zu fliessen.[iii] In einer Urkunde von ungefähr 720-37[iv] wird erstmals das monasterium Sancti Gallonis genannt; 744, den 30. August[v], erscheint erstmals Otmar als Abt.[vi] Der Besitz weckte die Eifersucht der durch Pippin bestellten Grafen Warin und Ruodhart, die Otmar, als er bei Pippin klagte, auf der Rheininsel Werd gefangen legten. Dort starb Otmar jedenfalls bald nachher, am 16. November 759.

 

Über diese Streitigkeiten vg1. das zur Gründungsgeschichte St.Gallens Gesagte. Ob Bischof Sidonius in diese eingegriffen hat, scheint mir eine offene Frage zu sein. In der Vita S. Galli c. 55 tritt Sidonius zu Lebzeiten des hl. Otmar gar nicht auf; erst nach dessen Tod greift er auf Anstiften der beiden Grafen ein. Erst in der Vita S. Otmaris erscheint der Mönch Lantpert, der Otmar obendrein eines unsittlichen Vergehens beschuldigt; Sidonius wird hier gar nicht erwähnt. Auch Ratpert in den Casus S. Galli c. 6 bringt Bischof Sidonius nicht von Anfang an[vii] mit dem Vorgehen der Grafen in Beziehung; doch lassen, wie G. Meyer[viii] sagt, gewisse Wendungen sogar den Verdacht aufsteigen, «Ratpert habe sich den Sidonius als Verursacher der Verfolgung gedacht». Dafür scheint mir vor allem jene Bemerkung in c. 9 hinzuweisen, wo Ratpert über das Vorgehen des Bischofs Egino gegen Abt Waldo sagt: Sicuti Sydonius sanctum Otmarum, ita et iste Waltonem persequi coepit abbatem … Daraus erklärt sich wohl auch, wie Hermann der Lahme in seiner Chronik Sidonius als Vernichter Otmars brandmarken konnte.[ix]

 

Dass die Grundlage des Streites – mag er nun zu Lebzeiten zwischen Sidonius und Otmar ausgebrochen sein oder nicht – grundherrschaftliche Fragen bilden, darüber sind sich auch alle einig; mag St.Gallen nun von Anfang an bischöfliches oder aber erst königliches Kloster gewesen sein[x], mögen die Mönche versucht haben sich unabhängig zu machen oder mag der Bischof durch den anwachsenden Besitz und die steigende Bedeutung der Galluszelle, diese in seinen Besitz haben bringen wollen. Für sein Vorgehen mag der Bischof auch in den Erlassen der Synode von Verneuil von 755, die strenge Rechenschaftsablage der Klöster an ihre Herren forderten, eine Handhabe gefunden haben. Auf jeden Fall zog Otmar seinen Gegnern gegenüber den kürzern und kam resp. blieb das Kloster in Abhängigkeit von Konstanz.

 

Die Leiche des im Exil verstorbenen Abtes wurde 10 Jahre später (769) nach der Galluszelle zurückgebracht, wo sie zunächst in der wohl von Otmar erbauten Kirche beigesetzt wurde.[xi] 830 kamen die Überreste während dem Neubau der Galluskirche in die St.Peterskirche.[xii] Von dort wurden sie in die indessen schon längst fertig erstellte Galluskirche überbracht. Drei Jahre später, am 24. September 867, erfolgte die endgültige Überführung in die durch Salomon I. von Konstanz eingeweihte St.Otmarskirche. Besonders die verschiedenen Translationen haben mächtig zum Aufschwung der Verehrung des Heiligen beigetragen, in welchem die klösterliche Tradition vor allem einen Märtyrer für die Freiheit des Klosters erblickte. Schon 830 schrieb Gozbert sein Leben des Heiligen, nebst Aufzeichnungen über seine Wunder, während die letzte Translation Iso zu seiner Fortsetzung veranlassten.[xiii] Es ist aber immerhin sehr zu beachten, dass Gozbert und Iso vor allem der Erbauung dienen wollten. Das Bild, das uns Ratpert endlich in seinen Casus entworfen hat, bedarf sehr der Korrektur. – Seit 867 stieg die Verehrung immer mehr; 878 wird Otmar erstmals neben Gallus als Schutzpatron des Klosters genannt, dem er in der Folge völlig gleichgesetzt wird. Besonders war Kaiser Karl III. ein grosser Verehrer des Heiligen. – Im 13. Jahrhundert erscheint St.Otmar neben dem hl. Gallus im Konventsiegel von St.Gallen.

Der Liber viventium der Reichenau führt (52,1) Audemar abb. unter den Verstorbenen auf. Das Nekrolog hat: Depositio Otmari abbatis zum 16. X

 

[i] Audemarus, Autmarus, Automarus, Autumarus

[ii] Vita S. Galli c. 51 n. 208 bis c. 55 n. 229; Vita S. Otmari cc. 1-6; dazu Meyers Anmerkungen

[iii] Vgl. Wartmann, Urkundenbuch Nr. 4-24

[iv] W. I. Nr. 4

[v] W. I. Nr. 9

[vi] Audemaro appati

[vii] D.h. zu Lebzeiten Otmars

[viii] Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte III, p. 8, Anm. 15

[ix] Ad annum 759. Mon. Germ. Scriptores V, p. 99, Meyer 1. c

[x] S. Zur Gründungsgeschichte

[xi] Annales Sang. maj.

[xii] Annales Sang. maj.

[xiii] Siehe Einleitung zur Gründungsgeschichte. – Der Liber viventium der Reichenau führt (52,1) Audemar abb. unter den Verstorbenen auf. Das Nekrologium hat: Depositio Otmari abbatis zum 16.XI. Leben des Heiligen finden sich in Mscr. 560, p. 262; 562, p. 95; 564, p. 162; 572, p. 108; 610, p. 71; 586, p. 176; 588, p. 299; 602, p. 213; 1256, p. 1257. Verse auf S. Othmar in 393, p. 88, 150, 151. – Die Translation von 1628 in Mscr. 1259. Vgl. auch 1238, p. 196-259; 1408, p. 108-137; 1719, p. 249.

 

Über Otmar vgl. neben den genannten Viten des hl. Gallus und Otmar, den Casus Ratperti und den bei Wartmann sich findenden Urkunden, die als Quellen in Betracht kommen:

 

Meyer v. Knonau, Gerold, St.Otmar, erster Abt in Sankt Gallen. Allgemeine Deutsche Biographie 24, 546. Von ebendemselben die Anmerkungen zur Herausgabe der Viten S. Galli et Otmari in Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte, St.Gallen 1870, XII. Heft.

 

Vetter Ferd., S. Otmar, der Gründer und Vorkämpfer des Klosters St.Gallen, Jahrbuch für Schweiz. Geschichte 43, Bd. 1918, p. 93-193.

 

Sankt Otmar, der Gründer von St.Gallen und Staatsgefangener von Werd-Eschenz. Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 1918, 57/58 Bd., p. 177-210.

 

Scheiwiller Dr. P. Otmar, Zur Biographie des heiligen Abtes Otmar von St.Gallen. Zeitschrift für Schweiz. Kirchengeschichte, 1919, XIII. Jahrgang, p. 1 ff. – Auch Separatabdruck 8°, 32 S. Darin werden vor allem irrige Aufstellungen Vetters widerlegt. Auch findet sich darin die Literatur über St.Otmar möglichst vollständig zusammengetragen; denn wenn auch keine grösseren und bedeutenderen Einzeluntersuchungen existieren (ausser den eben genannten), so haben sich naturgemäss viele mit seiner Persönlichkeit zu befassen gehabt, wie z.B. Glepke, Rettberg, Egli u.a. in ihren kirchengeschichtlichen Werken. Zu erwähnen wären noch (unkritisch):

 

Badoud Alf., Vie de St.Otmar, abbé de St.Gall. Monatsrosen 13.

 

Leben des hl. Otmar im Pilger. Einsiedeln. 5, 353.

 

Müller J. Fr., Wie Otmar, der Abt von St.Gallen, dessen letzte Zufluchtsstätte die Insel Werd bei Stein war, lebte und mit welch hochheiligen Wundern der Herr seinen getreuen Knecht ehrte. Der Grenzbote, Stein a. Rhein, 38. Jahrg. 1906, Nr. 7-9 und 11-17.

 

Lütolf K., Historisch-kritische Untersuchungen zum Proprium Basilense. Schweiz. Kirchenzeitung 1908, S. Otmar, p. 553-555.

 

NB. Unter den Arbeiten von Konventualen finden wir mehrfach Dichtungen zu Ehren dieses und anderer St.Galler Heiligen (so in Band 222 des Stiftsarchivs).

 

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