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Kuno von Stoffeln

Nr. 52

 

Kuno von Stoffeln

 

regierte vom 6. April 1379 bis zu seinem Tode, am 19. Oktober 1411.[i]

 

Am 6. April 1379 versammelten sich in der Sakristei zu St.Gallen Nikolaus von Utzingen, Thesaurar, Kuno von Stoffeln, Propst, Friedrich von Zollern, Johann von Bussnang und Heinrich von Gundelfingen zur Wahl eines neuen Abtes. Als Notar funktionierte Konrad Talacker, ein Kleriker, während Rudolf von Lichtensteig und Johann Hoer, zwei Laien, Zeugen waren. Die Konventualen beschlossen, die Wahl auf dem Wege des Kompromisses vorzunehmen und übertrugen Nikolaus von Utzingen die Vollmacht, einen Abt zu ernennen. Dieser bestimmte Kuno von Stoffeln dazu, der sich aber erst Bedenkzeit auserbat, um sich mit seinen Vertrauten beraten zu können; dann erklärte er Annahme der Wahl. Er wurde alsdann in die Kirche geführt und auf den Hochaltar gesetzt, wo man ihm huldigte und das Te Deum sang. Der so Gewählte gab am folgenden 26. April vor dem nämlichen Notar und in Anwesenheit einiger Zeugen – darunter auch Heinrich von Stoffeln, Konventualen der Reichenau,wohl einenVerwandten des Abtes – die Versicherung zu Protokoll, dass er sich um die Bestätigung der Wahl in Rom bemühen wolle.[ii] Die Abgabe von 300 Gulden an die päpstliche Kammer konnte er freilich erst 1383 entrichten.[iii]

 

Kuno von Stoffeln entstammte einem Geschlechte, das seinen Sitz in der Nähe des Hohentwiel in Schwaben hatte. Er war bei der Wahl seines Vorgängers der jüngste des Konvents gewesen. Urkundlich erscheint er vor seiner Wahl nie. Aus dem Wahlinstrument aber erfahren wir, dass er das Amt eines Propstes bekleidete. Ebenso war er Pförtner gewesen, wie aus einer Urkunde vom 11. Juni 1383 hervorgeht.[iv]

 

Der neue Abt war fest entschlossen, die Rechte seines Stiftes aufs entschiedenste zu wahren. Von König Wenzel erlangte er am 16. Oktober 1379 die Temporalien sowie die Bestätigung der alten Rechte und Freiheiten.[v] Am gleichen Tage erlaubte der König auch dem Abte, jede vom Reiche verpfändete Vogtei über Klosterbesitzungen zu lösen und an sich zu ziehen[vi]; ebenso befreite er den Abt und die Gotteshausleute vom königlichen Hof- oder Landgerichte.[vii]

Zur Sicherung seiner Stellung ging Abt Kuno schon am 26. Juli 1379 mit der Stadt Lindau ein Burgrecht auf fünf Jahre ein, wodurch er sich zugleich die Hilfe des schwäbischen Städtebundes sicherte; später (1384) erneuerte er das Bündnis auf weitere fünf Jahre.[viii] Der Stadt Wil bestätigte und vermehrte er ihre Rechte.[ix] Ebenso wiederholte er der Stadt St.Gallen am 11. Oktober 1379 ihre alte Handveste.[x]

 

Mit den Appenzellern ergaben sich gleich zu Beginn der Regierung Kunos Schwierigkeiten, da sie sich weigerten zu huldigen. Der Abt war schon gewillt, den Rechtsweg zu beschreiten, da schalteten sich die Städte des Bundes um den Bodensee ein und wiesen die Appenzeller an, zu huldigen (11. Oktober 1379).[xi] Durch ihre Bemühungen kam am 16. November 1379 mit Appenzell, Hundwil, Urnäsch und Teufen ein Vergleich zustande.[xii] Die von König Wenzel am 6. Februar 1380 erlassene Aufforderung an die Appenzeller kam darum reichlich zu spät.

Alsdann suchte Abt Kuno der Stadt St.Gallen gegenüber die alten Rechte seines Stiftes wieder geltend zu machen. Er erwirkte von König Wenzel am 3. Mai 1380 den Widerruf aller Privilegien, die die Stadt zum Nachteil des Klosters erhalten hatte.[xiii] Begreiflich, dass ein neuer Zwist allsogleich aufloderte. Auch hier schalteten sich indessen der schwäbische Städtebund sowie der Bund um den Bodensee ein. Nach langen Verhandlungen kam die Angelegenheit endlich am 17. Juli 1382 zum Abschluss.[xiv] König Wenzel verbot der Stadt, über Klosterleute zu urteilen.[xv]

 

Von dem ihm durch König Wenzel eingeräumten Rechte, die Vogteien einzulösen, machte Abt Kuno mehrfach Gebrauch. So löste er schon 1381 von Ulrich von Königsegg die Vogtei über Trogen, Teufen, Appenzell, Hundwil, Wittenbach, Gossau und Herisau[xvi] um 2400 Pfund Heller, ebenso die zu Schwänberg von Eglolf von Rorschach um 1490 Pfund Heller. Von den Freiherren von Hewen löste er anno 1401 die Vogtei über Niederhelfenswil um 350 Pfund Heller; von der gleichen Familie löste er auch anno 1394 Bernhardzell, die Kelnhöfe in Niederhelfenswil und Rickenbach und den Zehnten in Rickenbach um 2040 Gulden.[xvii] Ebenso löste er anno 1380 die Burg Falkenstein[xviii] und sicherte sich anno 1383 die Feste Mollenberg.[xix] 1399 sicherte er sich in gleicher Weise die Burgen Brassberg, Ratzenriet und Haldenberg.[xx] Von Rudolf und Rugger Harzer von Konstanz kaufte er 1394 das Dorf Aadorf um 1803 Pfund Pfennig[xxi]; hingegen veräusserte er u. a. anno 1403 an Christoffel Linder von Konstanz Vogteirecht, Gericht und alle Einkünfte zu Romanshorn um 1481 Goldgulden.[xxii] Im Jahre 1388 wurde dem Kloster auch die Kirche Wasserburg inkorporiert.

 

Der sogen. Sempacherkrieg, der zwischen Österreich und den Eidgenossen ausgebrochen war, berührte zwar das Gebiet der Abtei nicht direkt, doch weckte die ganze Bewegung neue Unzufriedenheit und weitere Freiheitsgelüste in den Untertanen des Stiftes; dies umso mehr, als Abt Kuno ein sehr strenger Herr war, der unnachsichtlich an seinen Rechten festhielt und seine Abgaben eintrieb. Auch war sein sittliches Leben keineswegs einwandfrei und das gegebene Ärgernis gross, wenn auch die sogen. Reimchronik der Appenzellerkriege, die uns darüber berichtet, als Parteischrift zu betrachten ist.

 

Wir haben schon gehört, wie der Abt durch ein Bündnis mit Lindau zunächst sich eine Art Rückendeckung schuf. Am 23. Januar 1392 erfolgte ein Bündnis mit Herzog Leopold IV. von Österreich auf Lebzeiten[xxiii]; 1401 ging Kuno auch ein Burgrecht mit Konstanz ein.[xxiv] Bald begannen in den äbtischen Landen die Unruhen. Zunächst regte sich die Unzufriedenheit in Wil, die Kuno aber stillen konnte. Schlimmer wurden die Vorgänge im Appenzellerlande, das sich am 27. Januar 1401 eigens mit der Stadt St.Gallen verbündet hatte.[xxv] Kurz nach der Verbindung mit der Stadt entstand jene Bewegung, die schliesslich zum sogen. Appenzellerkriege führte. Die Reichsstädte am Bodensee und im Allgäu vermittelten zwar am 27. April 1401 nochmals zwischen dem Abt und den Verbündeten, aber die Ruhe kehrte nicht mehr zurück, indem die Appenzeller sich nicht zufrieden geben wollten. Sie zogen vor die äbtische Burg Klanx und brachen sie. Der Abt schloss nun am 4. Juli 1402 mit Österreich ein besonderes Bündnis auf 15 Jahre und verlangte energisch die Auflösung des Bündnisses zwischen der Stadt und den Appenzellern. Wieder suchten die Reichsstädte zu vermitteln, aber da sie von den Appenzellern das Aufgeben ihrer Bündnisse verlangten, gaben diese nicht nach. Die Stadt trat freilich von dem Bund mit ihnen zurück; auch die dem Bunde beigetretenen Orte der Alten Landschaft huldigten wieder dem Abte. Appenzell fand dafür einen Ersatz in einem neuen Bündnis mit den Schwyzern, die bald die Führung in den kommenden Kämpfen übernehmen sollten. Diese begannen anfangs 1403 mit der Eroberung verschiedener Burgen und der Verwüstung der äbtischen Lande. Der Abt fand Hilfe bei den Reichsstädten. Bei Vögelinsegg fiel am 15. Mai 1403 der erste entscheidende Schlag. Die Städte um den Bodensee lenkten ein und schlossen am 10. Oktober 1403 Frieden mit den Appenzellern; bald darauf tat die Stadt St.Gallen ein Gleiches.[xxvi]

 

Der Abt aber fand in Friedrich IV. von Österreich, dem er dafür die Feste Iberg überantwortete, neue Hilfe. Durch dieses Bündnis wurden zugleich die Bundesgenossen der Appenzeller, die Schwyzer lahmgelegt; denn da sie erst mit Österreich Frieden geschlossen, durften sie – wenigstens offiziell – nicht gegen Österreich kämpfen. Dafür half Graf Rudolf von Werdenberg-Heiligenberg den Appenzellern; ebenso half ihnen auch die Stadt St.Gallen wiederum. Der Herzog entschloss sich zu einem Doppelangriff gegen St.Gallen und Appenzell zugleich. Er selbst brach von Arbon mit einem Heere am 16. Juni 1405 gegen die Stadt auf, musste aber schon am folgenden Tage den Rückzug antreten. Am gleichen Tage, den 17. Juni, erlitt auch das Hauptheer am Stoss eine empfindliche Niederlage. Die Appenzeller nützten ihren Erfolg rasch aus und bildeten den Bund ob dem See. Herzog Friedrich sah sich am 6. Juli 1406 gezwungen, einen Waffenstillstand auf zwei Jahre einzugehen. Schliesslich blieb auch Abt Kuno, der von den Appenzellern und ihren Verbündeten in Wil belagert wurde, nichts anderes übrig, als einzulenken. Er verglich sich am 20. August 1407 mit den Appenzellern und der Stadt St.Gallen, erklärte alles Geschehene für gesühnt und stellte sich und sein Kloster unter den Schirm der beiden Gegner.[xxvii] Die Appenzeller, die ihre kriegerischen Erfolge am Bodensee weiter verfolgten, erlitten am 13. Januar 1408 bei Bregenz eine Niederlage, und der Bund ob dem See zerfiel ebenso rasch, wie er entstanden war. Die nun folgenden Friedensverhandlungen leitete König Ruprecht, der eigens nach Konstanz gekommen war, persönlich. Sein Schiedsspruch, wonach die Appenzeller den Bund aufzugeben und ihre Eroberungen auszuliefern hatten, erging am 14. April 1408. Die volle Loslösung von der Herrschaft des Abtes, die die Appenzeller anstrebten, sollte von einer Untersuchung ihrer Briefe abhangen. Von einer solchen erwarteten sie aber nichts Gutes und anerkannten darum den Spruch überhaupt nicht. Da sich die Appenzeller trotz weiterer Verhandlungen nicht fügen wollten, entschied der König – der am 24. Juni 1409 dem Abte die Regalien verlieh – am 6. August 1409, dass die Vogtei über Appenzell als Reichspfand mit allen Rechten und Gefällen dem Abte gehören solle, die Bewohner daselbst hätten in das alte Untertanenverhältnis zurückzukehren und ihre Abgaben wie früher zu entrichten. Da aber König Ruprecht am 18. Mai 1410 starb und eine neue strittige Königswahl folgte, kümmerten sich die Appenzeller um diesen Entscheid nicht. So blieb das Verhältnis fortwährend ein gespanntes. Die Appenzeller liessen sich – freilich nach Kunos Tod – am 24. November 1411 von den Eidgenossen in ein Burg- und Landrecht aufnehmen; ein Gleiches tat die Stadt St.Gallen am 7. Dezember 1412. Der endgültige Ausgleich zwischen Appenzell und dem Kloster kam erst 1429 durch eidgenössische Vermittlung zustande.

 

Begreiflicherweise stürzten diese Vorgänge die Abtei in noch grössere Schulden – es sollen über 100'000 Gulden gewesen sein. Abt Kuno musste deshalb manche Rechte und Besitzungen veräussern. Der Stand der Abtei war darum auch bei seinem Tode trostloser denn je. Urkundlich erscheint er am 15. September 1411[xxviii] zum letzten Male.[xxix] Kuno starb am 19. Oktober 1411.[xxx] Er hatte dem Gotteshaus gut 32 Jahre vorgestanden[xxxi] und fand seine letzte Ruhestätte bei seinen Vorgängern Hiltbold und Hermann. «Gott welle im sin übel verzigen han. Amen.» sagt Vadian.


 

[i] Vadian 466-514. – v. Arx II., 78-143

[ii] W. IV., Nr. 1792

[iii] W. IV., Nr. 1879

[iv] W. IV., Nr. 1883

[v] W. IV., Nr. 1807

[vi] W. IV., Nr. 1808

[vii] W. IV., Nr. 1809

[viii] W. IV., Nr. 1800, 1903

[ix] W. IV., Nr. 1796, 1797

[x] W. IV., Nr. 1805

[xi] W. IV., Nr. 1806

[xii] W. IV., Nr. 1810

[xiii] W. IV., Nr. 1823

[xiv] W. IV., Nr. 1824, 1825, 1833, 1835, 1846, 1854, 1865

[xv] W. IV., Nr. 1876

[xvi] W. IV., Nr. 1832

[xvii] W. IV., Nr. 2068

[xviii] W. IV., Nr. 1815

[xix] W. IV., Nr. 1886

[xx] W. IV., Nr. 2177

[xxi] W. IV., Nr. 2070

[xxii] W. IV., Nr. 2288

[xxiii] W. IV., Nr. 2028

[xxiv] W. IV., Nr. 2212

[xxv] W. IV., Nr. 2211

[xxvi] W. IV., Nr. 2283, 2302, 2305

[xxvii] W. IV., Nr. 2398. Vgl. Dierauer, Geschichte der schweiz. Eidgenossenschaft I, 386ff.

[xxviii] W. IV., Nr. 2505

[xxix] Erwähnenswert ist aus seinem letzten Jahre (1411) noch die Aufstellung einer neuen Ordnung für die Schwestern auf Pfanneregg (b. Wattwil) (W. IV., Nr. 2497).

[xxx] Necr.: Anno 1411 ob. Cuono de Stoffel abb. monasterii s. Galli proxima feria secunda post festum s. Galli hora vesperarum. – Auch im Magdenauer Necrologium findet sich sein Todestag (freilich irrig zum 23. Oktober) verzeichnet: Abbt Cuno von St.Gallen (Baumann M.G., Necrologia I, p. 453)

[xxxi] Äbtekatalog: Cuono de Stöfeln annis 32, 6 mensibus. Obiit anno 1400 undeno.

 

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