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Grimald

Nr. 10

 

Grimald

 

regierte nach dem 25. Juli 841 bis zu seinem Tode am 13. Juni 872.[i] An Stelle Engilberts setzte Ludwig der Deutsche – unter Verletzung des Wahlrechtes der Mönche – Grimald, der nicht einmal Mönch, sondern Weltpriester war, was man in St.Gallen doppelt schwer empfinden musste.[ii] Grimald war ein Neffe des 847 verstorbenen Erzbischofs Hetti von Trier und ein Bruder Thietgauds, der ebenfalls den Trierer Stuhl bestieg. Er stammte jedenfalls aus vornehmer fränkischer Familie. Er besuchte in seiner Jugend die Hofschule Karls des Grossen, wo er noch Alkuin gehört haben soll, dann kam er an die Reichenauer Klosterschule. Schon 824 hatte er eine Stelle an der kaiserlichen Kapelle inne, wozu noch die Abtei Weissenburg kam. Im Oktober 833 erscheint er als Vorsteher der Kanzlei König Ludwigs; denn er resp. Adalleodus in seinem Auftrage, fertigt jene Urkunde Ludwigs für St.Gallen aus[iii], die wir schon öfters kennen lernten. In den Wirren zwischen Ludwig und seinen Söhnen verlor er um 838 die Abtei Weissenburg, ebenso finden wir ihn nicht mehr in der Kanzlei. Als Ludwig der Deutsche nach dem Siege von Fontenoy, am 25. Juli 841, seine Herrschaft im Osten dauernd befestigt hatte, ernannte er Grimald zum Abte von St.Gallen, wie auch die Annales Sangallenses brev. u. maj. ausdrücklich bemerken: 841 Grimaldus abbas efficitur. Seit 847 finden wir Grimald auch wieder im Besitze von Weissenburg und noch einer dritten Abtei.[iv] Vielleicht seit 847, sicher seit 854 Erzkaplan Ludwigs des Deutschen, trat er seit 854 auch wieder an die Spitze der Kanzlei. Er war in der Folge einer der bedeutendsten Staatsmänner unter Ludwig. 870 zog er sich nach St.Gallen zurück, um seine letzten Tage in Ruhe zu verbringen.

 

So wenig man anfangs in St.Gallen über die Verleihung der Abtei an Grimald erbaut gewesen war, umso besser gestaltete sich in der Folge das gegenseitige Verhältnis, das uns Ratpert in warmen Tönen schildert. Da Grimald durch die Reichsgeschäfte fast dauernd von St.Gallen fern gehalten wurde, gab er den Mönchen die Möglichkeit, sich einen Stellvertreter zu wählen. Die Wahl fiel auf Hartmut und wurde von Ludwig bestätigt. Hartmut versah die Stelle des Dekans (s. u.). Er hatte vor allem für das geistige Leben zu sorgen, doch liess Grimald ihm auch für den äussern Ausbau der Abtei ziemlich freie Hand.[v] Grimald kam immerhin öfters nach St.Gallen, wie aus Meyers Zusammenstellung hervorgeht[vi], wonach wenigstens 29 Urkunden seine persönliche Anwesenheit voraussetzen. Ebenso finden wir ihn bei gewissen Festlichkeiten in St.Gallen (s. u.).

Besonders machte Grimald sich um die Sicherstellung der Rechte des Gotteshauses verdient. Immer noch hatten die Mönche nach Konstanz eine Abgabe zu entrichten, wenn diese auch bloss mehr eine Art Erinnerung an die frühere Abhängigkeit bedeutete. Offenbar hatte man es aber einige Zeit unterlassen, diese Abgabe zu entrichten, weshalb Bischof Salomon I. (838-871) sie reklamierte. Darüber kam es zu Zwistigkeiten; die Aussprache darüber zwischen Grimald und seinem Stellvertreter Hartmut ist von Ratpert tendenziös entstellt. Grimald erkannte auf jeden Fall, dass man den Bischof nicht kurzer Hand abweisen könne und suchte eine Verständigung mit ihm. Gegen Überlassung einer Reihe von Besitzungen mit insgesamt über 200 Leibeigenen verzichtete der Bischof auf jede weitere Abgabe und behielt sich nur das kanonische Aufsichtsrecht über St.Gallen vor. König Ludwig bestätigte den 22. Juli 854 auf einem Hoftage in Ulm diese Abmachung. Zugleich wurde dort noch eine andere Streitfrage erledigt. Auf manche Güter, die zur Zeit der Vereinigung der Abtei und des Bistums in einer Hand an St.Gallen gekommen waren, erhoben beide Teile Anspruch. Es handelte sich dabei, wie neuere Untersuchungen (Beyerle) darlegten, um ein planmässiges Vorgehen St.Gallens, das durch Kauf und Tausch Güter vor allem im Arbongau an sich gebracht hatte, um so den Zugang zum See und zu den nördlich davon gelegenen Besitzungen zu erhalten. Dieses Anwachsen st.gallischen Besitzes in unmittelbarer Nähe der Bischofsstadt sahen die Bischöfe nur sehr ungern, was zu neuem Hader Anlass gab. Auch da wurde unter Grimald eine Verständigung und Ausscheidung herbeigeführt, wenn auch damit für die Zukunft noch nicht allen Streitigkeiten zwischen Abt und Bistum vorgebeugt war. Am gleichen Tage nahm König Ludwig auch das Kloster in seinen Schutz, bestätigte Immunität und Recht der freien Abtwahl und verfügte, dass St.Gallen inskünftig dem König für seinen Schutz zwei Rosse samt Schilden und Speeren zu geben hätte.[vii] Durch ein königliches Rundschreiben wurde den Grafen in Alemannien die Gleichstellung St.Gallens mit den übrigen königlichen Klöstern und Beneficien kundgegeben.[viii]

 

Begreiflich, dass Ratpert, der freilich auch bei Schilderung dieser Vorgänge nicht immer zuverlässig ist[ix], für Grimald volle Anerkennung hat. Aber auch sonst ist er voll des Lobes über Grimald und dessen Stellvertreter Hartmut, unter dem Sankt Gallen in baulicher und wissenschaftlicher Beziehung gewaltige Fortschritte machte. Der unter Gozbert erbaute Tempel des hl. Gallus wurde aufs reichste ausgeschmückt, vorab das Grab des Heiligen und die Altäre; silberne Leuchter und andere Zieraten kamen her. Die Apsis hinter dem Grabe des hl. Gallus erhielt kostbaren Bilderschmuck. Am 25. Oktober 864 wurden die Reliquien des hl. Otmar aus der St.Peterskirche, wo sie seit dem Bau der Gallusbasilika ruhten, unter großer Feierlichkeit in die Galluskirche überführt, im Beisein des Bischofs Salomon I. von Konstanz und Grimalds. Um diese Zeit begann man den Bau einer eigenen Kirche zu Ehren des hl. Otmar, in die die Überreste dieses Heiligen am 24. September 867 wiederum unter grosser Feierlichkeit übersetzt wurden, wo sie in einem prächtigen, mit Gold und Silber geschmückten Schrein Aufnahme fanden. Als Hartmut Abt geworden, hat er besonders das Grab des hl. Otmar und dessen Kirche noch weiter ausgeschmückt.

 

Die Bibliothek wurde sehr vermehrt, wie der von Ratpert (und andern) überlieferte Katalog zeigt[x]; dazu kam nach Grimalds Tod noch dessen Privatbibliothek.[xi]

 

Unter Grimalds Regierung fällt auch der Aufstieg der St.Galler Klosterschule, an der der 853 bis 865 genannte Schotte Moengal oder Marzellus und der 871 im Kloster Grandval verstorbene Iso lehrten. Auch Ratpert, der berühmte Geschichtsschreiber, lebte in dieser Zeit, über die uns das zwischen 850 und 855 durch den Ellwanger Mönch Ermenrich verfasste Schreiben weitere, sehr wertvolle Aufschlüsse gewährt. Die Stellung Grimalds als Kanzler bewirkte auch, dass u. a. St.Galler Mönche an die königliche Kanzlei kamen, wodurch auch die Schönschreiberei im Kloster stark beeinflusst wurde, die im Psalterium Folchardi und im Psalterium aureum herrlichste Leistungen aus dieser und der unmittelbar folgenden Zeit aufzuweisen hat.

Im Sommer 870 zog sich Grimald dauernd nach St.Gallen zurück: «cum jam aetatis plurimos dies haberet».[xii] Für den hochbetagten Prälaten – der freilich immer noch das Mönchskleid nicht trug, wie Ratpert ausdrücklich bemerkt – führte Hartmut die Leitung der innern und äussern Angelegenheiten der Abtei weiter. Grimald widmete sich besonders den Übungen der Frömmigkeit und Mildtätigkeit, bis er endlich den 13. Juni 872 «senex et plenus dierum» starb, wie Ratpert sagt, der ihm folgende Verse widmet:

 

Praemia tantorum cui dona, Christe, laborum

Huicque polum tribuas, qui sydera celsa crearas.

Matheus, Marcus, Lucas pariterque Johannes

Sint illi comites, quorum celebrabat honores.

 

Auch die Nekrologien von St.Gallen[xiii], Reichenau und Weissenburg stimmen in der Angabe des Todestages mit Ratpert überein. Wenn das älteste Äbteverzeichnis ihn 31 Jahre regieren lässt, so ist dies eher etwas zu viel. In der von ihm erbauten Otmarskirche beigesetzt, erhielt er durch seinen Nachfolger Hartmut folgende Grabschrift:

 

Hic manet interius divine legis amator,

Grimoldus humilis, templum hoc qui condere jussit.[xiv]

 

Aus der Zeit Grimalds stammen die Urkunden W. II., Nr. 384 bis 567, darunter 159 Schenkungsurkunden u. dergl. Besonders zu erwähnen sind dabei die Urkunden Ludwigs, der St.Gallen mehrfach Schenkungen zuhielt[xv], während andere Urkunden dieses Herrschers, die sich heute im St.Galler Archiv befinden[xvi], nur indirekt St.Gallen berühren.


 

[i] Ratpert c. 18, n. 89 bis c. 28, n. 128

[ii] Annales breviss. et mai.: 841 Grimaldus abba efficitur

[iii] W. I., Nr. 344

[iv] Möglicherweise Ellwangen

[v] Über das gegenseitige Verhältnis Grimalds und Hartmuts, wie es in den Urkunden zum Ausdruck kommt, vgl. Meyer I. c., p. 36, n. 93.

[vi] I. c., p. 38, n. 95

[vii] W. II., Nr. 433, 434

[viii] W. II., Nr. 435. – Vgl. über das Ganze Knapp, Die älteste Buchhorner Urkunde in Württembergische Vierteljahreshefte, 1910, p. 185f.

[ix] Vgl. Meyers Anmerkungen zu c. 21-25

[x] Vgl. Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, I. Bd. und Lehmann, Die Bistümer Konstanz und Chur, p. 82

[xi] Vgl. das Verzeichnis bei Lehmann. I.c., p. 87

[xii] Ratpert c. 28

[xiii] Ob. Grimaldi abbatis optimi

[xiv] Zitiert bei Meyer, Ratperti Casus c. 28, n. 128. – Das St.Galler Confraternitätsbuch führt ihn ebenso auf (75,16) wie jenes von Pfäfers (29,3). – Annales breviss.: 872 Grimaldus obiit. und Annales Alamannici und Sang. maj.

[xv] W. II., Nr. 477, 479

[xvi] W. II., Nr. 453, 454, 503, 519, 527. Über Grimald vgl. Ziegelbauer, Historia liter. O.S.B. II. 501-502. – Meyer v. Knonau, Gerold, Allgemeine Deutsche Biographie 9, 701. – Derselbe in den Casus Ratperti c. 18 bis 29. – Dümmler, St.Gallische Denkmale aus der karolingischen Zeit. Mitteilungen der zürcher. antiquar. Gesellschaft, Bd. XII., S. 248ff. – Geschichte des ostfränkischen Reiches, I. Bd., S. 867f. – Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, 4. Aufl., I. Bd., S. 182, 220ff. – Haller, III. 765

 

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