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Ablassurkunde

Ein Ablassbrief für die St.Galler Pfarreien von 1333

Wenn man über das Mittelalter und die Reformation bzw. die spätmittelalterliche Kirche spricht, kommt man gewöhnlich sehr bald einmal auf den Ablass zu reden. Tatsächlich blühte im Mittelalter, oft auch noch im Barock, das Ablasswesen teilweise sehr üppig. Für die römische Kurie bot es eine Einnahmequelle, welche sie dringend benötigte, um ihre weiten und umfangreichen Aufgaben erfüllen zu können. Im Grunde genommen ist der Ablass etwas theologisch schwer Verständliches; es handelt sich um die Möglichkeit, die Sündenstrafen, die der einzelne Gläubige abzubüssen hat, durch einen Ablass zu tilgen. Oft wurden solche Ablässe an bestimmten Wallfahrtsorten oder zu bestimmten Festen verliehen, bzw. konnten bei solchen Gelegenheiten gewonnen werden. Grundlage dazu war ein rechtsgültiges Dokument, die sogenannte Ablassurkunde oder der Ablassbrief. Diese Gepflogenheit entsprach der mittelalterlichen Vorstellung von der Vollmacht der Amtskirche, über die geistlichen Verdienste Christi zu verfügen. Im 14. Jahrhundert ist der Ablassbrief in Avignon häufig in der Form einer schön gestalteten Urkunde ausgestellt worden.

 

Ein besonders schönes Beispiel für St.Gallen ist die Urkunde vom 20. Mai 1333, die grossformatig (Masse: 80 x 56 cm) auf Lateinisch einen Ablass für verschiedene sanktgallische Kirchen und Kapellen, nämlich Berneck, Appenzell, Gais, Hundwil, Wil, Herisau, Gossau, Berg, Wattwil, Marbach, Altstätten, Elgg, Rorschach, Sommeri, Steinach und Höchst festhält. Solche Pergamenturkunden wurden offenbar häufig in den Kirchen aufgehängt, damit die Gläubigen sie sehen konnten. Lesen hingegen konnten sie sie wohl gewöhnlich nicht. Um ihnen auch einen optischen Eindruck zu geben, wurde der "Brief" figürlich ausgestaltet, etwa wie in unserem Beispiel mit einer Initiale. Das vorliegende Dokument zeigt die Muttergottes mit Kind, neben ihr kniet ein Mönch. Zur Rechtsgültigkeit des Ablasses – es handelt sich hier um einen solchen von 40 Tagen, der unter bestimmten Bedingungen gewonnen werden konnte – musste die Urkunde natürlich besiegelt werden. An unserem Beispiel hängen an gelbbraun-grünen Schnüren nicht weniger als 13 Siegel von Kardinälen; eines davon ist indes verlorengegangen. Zum Schutz sind die Siegel heute noch in Stoff der damaligen Zeit eingenäht. Es handelt sich um Stoff aus dem islamischen Bereich mit kufischen Motiven, der wohl aus dem damals noch mohammedanischen Südspanien stammt. So kann auch ein kirchliches Rechtsdokument Einblick in und Information über die Kulturgeschichte des Mittelalters geben.

 

Ergänzend ist zu bemerken, dass das dekorativ gemalte Band, das am oberen Ende der Urkunde quer durchläuft, nicht in Avignon selber angebracht wurde, sondern erst nachträglich, wohl in St.Gallen, hinzugefügt wurde. Es zeigt in der Mitte die Quelle des Heiles, die Person, von der jeder Ablass ausgeht, nämlich den Erlöser Jesus Christus mit den Wundmalen. Ihm zur Seite sehen wir links den heiligen Gallus mit Pilgerstab und Pilgertasche, rechts den St.Galler Klostergründer St. Otmar mit Abtsinsignien.

 

Signatur: StiASG, Urk. C1 A3.

Edition: Charularium Sangallense III, Nr. 3513, S 154-156.

 

Text nach: Werner Vogler, Kostbarkeiten aus dem Stiftsarchiv St.Gallen in Abbildungen und Texten, St. Gallen 1987, S.43f.

 


Stiftsarchiv St.Gallen, Urkunde C1 A3

Stiftsarchiv St.Gallen, Urkunde C1 A3. Auf dem Ablassbrief von 1333 für die St.Galler Pfarreien ist die zweitälteste bildliche Darstellung des heiligen Otmar zu sehen.

  


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