Kantonale Werkbeiträge und Romaufenthalte vergeben

Zehn Werkbeiträge und vier symbolische Hausschlüssel für die Atelierwohnung in Rom des Kantons St.Gallen hat Regierungsrätin Kathrin Hilber heute im St.Galler Theater Parfin de Siècle an Kunstschaffende übergeben. Zuvor wurden 107 Bewerbungen für Werkbeiträge in sechs Kunstsparten und 20 Bewerbungen für Rom in einem zweistufigen Verfahren juriert.


Bei der feierlichen Übergabe am Donnerstag im Theater Parfin de Siècle konnten 14 Kunstschaffende aus der Hand von Regierungsrätin Kathrin Hilber Werkbeiträge und symbolische Hausschlüssel für die Atelierwohnung in Rom entgegen. Bei der jährlichen Vergabe zeigt sich immer wieder, wie vielfältig, innovativ und qualitativ hochstehend das kulturelle Schaffen im Kanton St.Gallen ist. "Die Unterstützung soll die nötige Zeit geben, Ideen, Projekte und Werke auszuarbeiten und ihre künstlerische Tätigkeit weiterzuentwickeln und auszuloten", führte Kathrin Hilber aus.

 

Auf die Ausschreibung gingen insgesamt 107 Bewerbungen beim kantonalen Amt für Kultur ein. Danach haben sieben Fachjurys die Eingaben beurteilt und selektioniert. Der Kulturrat hat die Vorschläge in einem zweiten Schritt aus einer umfassenden Optik gewürdigt und die Auswahl getroffen. Nun erhalten die folgenden Kunstschaffenden einen Werkbeitrag in der Höhe von 20'000 Franken: Jonathan Németh, St.Gallen; Ruedi Zwissler, St.Gallen (beide angewandte Kunst); Rik Beemsterboer; St.Gallen; Claudia Keel, St.Gallen; Barbara Signer, St.Gallen; Herbert Weber, Ebnat-Kappel (alle bildende Kunst); Peter Liechti, Zürich (Film); Michaela Friemel, St.Gallen; Verena Rossbacher, Berlin (beide Literatur) sowie Maria Gstrein, St.Gallen (Musik). Einen dreimonatigen Romaufenthalt im Zeitraum 2010/2011 können Andreas Berde, Basel; Mirjam Kradolfer, St.Gallen; Karl A. Fürer, St.Gallen (alle bildende Kunst) sowie Erica Engeler, St.Gallen (Literatur) in ihre Agenden einschreiben.

 

Comic Geschichten und Baukasten-Möbel

 

Jugendgewalt und das Verhalten der Internet-Jugend, das sind die Themen, die Jonathan Németh mit kraftvollen, dramatisch harten Schwarz-Weiss-Konturen aufs Papier zeichnet und daraus, in einer sehr eigenständigen Ausdrucksform, eine bitterböse Comic-Geschichte entstehen lässt. Ruedi Zwissler arbeitet am Möbelkonzept "Dominorm01", welches er kooperativ mit verschiedenen Dienstleistern, Handwerkern und Produzenten entwickelt. Ziel ist nicht nur, dass dasselbe Element bei diversen Möbelkonstruktionen eingesetzt wird, sondern dass auch dem Aspekt maximaler Wertschöpfung und möglichst geringer Belastung der Umwelt grösstmögliche Beachtung geschenkt wird.

 

Die Vielfalt der bildenden Kunst

 

Rik Beemsterboer verschafft sich mit seiner Malerei einen Zugang zur Welt. Er arbeitet immer in Serien. In der neuen Werkserie malt er Portraits von „Führern“, welche zur Zeit einer Landesregierung oder einer Religion vorstehen. Damit hinterfragt und demaskiert er virtuos und auf höchst kluge Art und Weise mediale Inszenierungen, welche uns tagtäglich von "Führern und Irreführern" präsentiert werden. Bei Claudia Keel Malerei ist es das Stille, Lautlose, Distanzierte und Feminine, was fasziniert. Ihre Bilder berühren und zeigen, wie verletzlich wir Menschen jenseits von Kommerz und Nimmersattsein doch letztlich geblieben sind. Barbara Signer beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Zwischenzuständen wie dem Traum. Sie versucht, diese Momente zu erfassen und sie visuell mit verschiedenen Medien wie Video und Foto umzusetzen. Mit ihrem neuen Projekt "le nuage que j'ai suivi" möchte sie einer Wolke nachjagen, mit der Kamera festhalten, mit zusätzlichem Dokumentationsmaterial anreichern und eine Installation erarbeiten. "Behauptungen" ist der Titel von Herbert Webers neuen Foto-Arbeiten. Er hat sich mit dem Lesen von geeigneter Literatur und Philosophie auseinandergesetzt und erfindet und konstruiert nun Bilder und Objekte, die daraus entstandene, fotografisch umgesetzte Zitate sind.

 

Das Lebensgefühl einer Epoche

 

Peter Liechti ertappt sich immer häufiger, wie er die lange bekämpften "alten Werte" seiner Eltern gegen die "Vulgarität des zeitgenössischen Materialismus" zu verteidigen beginnt. Ein Gefühl kultureller Verlorenheit beschleicht ihn zunehmend. Der daraus entstehende Film versteht sich aber nicht als sentimentale Versöhnung oder als (Familien-)Portrait, sondern ist der Versuch, das Lebensgefühl einer ganzen Epoche nachzuzeichnen, die geprägt war von unglaublichen Veränderungen.

 

Literarische und musikalischer Möglichkeiten

 

Die Germanistin und Historikerin Michaela Friemel trat bisher mit journalistischen und wissenschaftlichen Texten an die Öffentlichkeit, "Martha spinnt Geschichten" ist ihr Prosa-Debüt und handelt von einer von Missbrauch geprägten Familie, deren Tochter an einer Psychose erkrankt. Der Roman wird auf verschiedenen Ebenen erzählt, welche sprachlich markant voneinander abgegrenzt sind. Verena Rossbachers eingereichtes Projekt ist ein relativ gross angelegtes Projekt. Daraus soll ihr zweiter Roman entstehen. Darin will "Einer" seine durcheinander geratene Gedanken- und Gefühlswelt, seine verwirrenden Erlebnisse und eine angeschlagene Identität vom Chaos zurück ins Ordentliche führen. Die St.Gallerin Maria Gstrein arbeitet als Sängerin, Ethnologin und Musiktherapeutin. Aus diesen drei Richtungen stammt ihr Interesse für Wiegenlieder. So möchte sie eine Sammlung aus hiesigen Schlaf- und Wiegenliedern anlegen, sich damit stimmlich-musikalisch auseinandersetzen und schliesslich für einen Konzertabend bearbeiten.

 

Rom – vier Mal anders erleben

 

Der Maler Andreas Berde hat in seinem Archiv unzählige Filmzitate und Bilder gespeichert. Aus diesem Material entstehen gleichsam wie unter einer neuen Regie farbenintensive Bilder. In Rom möchte er seine begonnene Arbeit unter den Einflüssen dieser Stadt weiterführen. Mittels Notizen, Skizzen, Fotografien, aber auch cineastischen Rom-Zitaten wird er seine Eindrücke mit dem Pinsel festhalten und malerisch erzählen. Das Medium von Mirjam Kradolfer ist die Fotografie, hauptsächlich erstellte und inszenierte Selbstporträts. Das eingereichte Rom-Projekt ist eine Weiterentwicklung ihrer bisherigen Arbeit. Unter dem Thema "Helden" möchte sie eine Bildreihe erstellen, welche sich mit politischen und gesellschaftlichen Helden, mit Kirche und Macht auseinandersetzt. In seinem Projekt "Seh-Spur" möchte Karl A. Fürer als Sehender und Entdeckender einen tiefen, intensiven Dialog mit der Stadt Rom eingehen. Möglichst viel möchte er zu Fuss erkunden, sich beim Skizzieren von Ansichten, Einsichten, Menschen, Architektur, Gegenständen und Situationen Zeit lassen, sich in Langsamkeit üben und dabei auch all die Schönheit wahrnehmen. Aus diesen Skizzen wird ein Erzähltagebuch mit 630 Seiten entstehen. "Nur das Flüchtige ist von Dauer." - Dieser Satz stammt aus einem Sonett des spanischen Dichters Francisco de Quevedo und hat sich der Literatin Erica Engeler tief ins Gedächtnis eingeprägt. Bereits im siebzehnten Jahrhundert hat er den Untergang Roms herauf beschworen. Erica Engeler will in Rom Spaziergänge ohne vorgezeichneten Verlauf unternehmen, das Zitat Quevedos soll ihr dabei als Kompass dienen.


Allgemein - Kantonale Werkbeiträge und Romaufenthalte vergeben (27.08.2010 08:25)