Spuren von Schmerzmitteln fast in jedem Fluss

In den Flüssen und Bächen findet man Spuren von Arzneimitteln, Hormonen und anderen Chemikalien, die von Abwasserreinigungsanlagen nicht zurückgehalten werden. Meistens liegen die Konzentrationen unterhalb kritischer Werte. In einer erneuten Messkampagne konnten Messergebnisse aus dem Jahr 2005 mehrheitlich bestätigt werden. An stark belasteten Gewässern sind Massnahmen in Vorbereitung.


Über 3000 chemische Substanzen werden heute als Wirkstoffe in Arzneimitteln für die Humanmedizin verwendet. Nach der Einnahme werden sie zu einem grossen Teil mit dem Urin ausgeschieden. Das Gleiche gilt für natürliche und synthetische Hormone. Unzählige weitere Chemikalien, die beispielsweise zum Schutz von Materialien, in Körperpflegeprodukten oder in Reinigungsmitteln verwendet werden, gelangen ebenfalls grösstenteils ins Abwasser. Für einzelne dieser Substanzen sind hormonelle oder andere schädliche Wirkungen bekannt. In der Abwasserreinigungsanlage (ARA) können viele von ihnen nicht oder nur teilweise biologisch abgebaut oder an den Klärschlamm gebunden werden und landen schliesslich in den Gewässern. Konkrete Grenzwerte für solche Stoffe in Gewässern gibt es noch nicht.

 

Gemeinsame Messungen der Kantone

 

In einer ersten Messkampagne prüfte das Amt für Umwelt und Energie im Jahr 2005 in Zusammenarbeit mit den Nachbarkantonen bei 20 Messstellen an 15 Gewässern die Konzentrationen von insgesamt 84 Hormonen und Arzneimittelwirkstoffen. In einer zweiten Messkampagne im Jahr 2007 hat man an 11 Gewässern 14 Stellen beprobt. Diesmal suchte man zusätzlich nach ausgewählten Industriechemikalien und nahm das gereinigte Abwasser aus drei ausgewählten ARA-Abläufen unter die Lupe.

 

Schmerzmittel, Antibiotika, Korrosionsschutzmittel ...

 

Von den Arzneimitteln fand man in den Wasserproben den Wirkstoff Diclofenac am häufigsten. Er wird in Schmerzmitteln und Entzündungshemmern verwendet. Oft gemessen wurden auch das Antiepileptikum Carbamazepin und verschiedene Antibiotika-Wirkstoffe. Praktisch in jedem Gewässer, das gereinigtes Abwasser enthält, waren zudem Benzotriazole nachweisbar. Diese Substanzen sind in Korrosions- und Frostschutzmitteln oder auch in Geschirrspülmitteln enthalten. Sie sind biologisch schwer abbaubar, gelten aber aus ökologischer Sicht nicht als besonders problematisch.

 

Mehrheitlich geringe Belastungen

 

Bei 16 der 24 Messstellen, die man in den beiden Messkampagnen beprobt hat, wurden nie kritische Werte gemessen und es gab weniger als fünf Prozent positive Nachweise. Im Kanton St.Gallen schneiden die Goldach bei Goldach und der Necker bei Lütisburg am besten ab. In der Thur bei Niederbüren, der Sitter bei Wittenbach, der Jona bei Rapperswil und im rechtsseitigen Hintergraben der Linth bei Schmerikon lag jeweils einmal eine Substanz in kritischer Konzentration vor. Es handelte sich dabei immer um Antibiotika-Wirkstoffe.

 

Flüsse mit hohem Abwasseranteil am stärksten belastet

 

Die meisten Substanzen und die höchsten Konzentrationen waren in der Steinach unterhalb St.Gallen und in der Glatt bei Herisau und bei Oberbüren zu verzeichnen. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Beide Flüsse führen bei trockenem Wetter wenig Wasser, so dass das zugeführte Abwasser aus den ARA nur schwach mit frischem Bachwasser verdünnt wird.

 

Gezielte technische Massnahmen für Glatt und Steinach

 

Für beide ARA an der Glatt werden zurzeit Massnahmen vorbereitet. In Herisau soll eine zusätzliche Reinigungsstufe mit Pulveraktivkohle nachgerüstet werden. Damit wird die Restfarbigkeit des Abwassers aus der Textilindustrie beseitigt. Gleichzeitig kann mit der Pulveraktivkohle die im Herisauer Abwasser festgestellte grosse Anzahl von verschiedenen schwer abbaubaren Substanzen erheblich reduziert werden. In Flawil ist vorgesehen, das hochbelastete Abwasser aus einem Industriebetrieb auf der kommunalen ARA separat in speziellen Verfahren zu behandeln, um die bestehenden Reinigungsstrassen und damit die Glatt zu entlasten.

 

Die Steinach soll ganz vom Abwasser befreit werden. Diese Massnahme ist angesichts der völlig ungenügenden Verdünnung des Abwassers im Bach notwendig. Geplant ist die Ableitung ab der ARA St.Gallen-Hofen direkt zum Bodensee, und zwar zur bestehenden Seeleitung der ARA Morgental in der Gemeinde Steinach. Für das gereinigte Abwasser der beiden ARA ist der Bau einer neuen längeren Seeleitung vorgesehen. Dadurch kann die Steinacher Bucht gegenüber der heutigen Situation entlastet werden.

 

Ursachen direkt an der Quelle beseitigen

 

Wo möglich sollten unerwünschte oder problematische Stoffe gar nicht erst ins Abwasser gelangen. Dies bedeutet, dass zum Beispiel der Gebrauch von Arzneimitteln auf das Notwendige beschränkt wird. Altmedikamente sind bei den Verkaufsstellen zurückzugeben und dürfen keinesfalls über die Toilette entsorgt werden. Die Umweltämter ihrerseits sind bestrebt, im Dialog mit der Industrie die Produktionsprozesse laufend so zu verbessern, dass möglichst wenige solcher Stoffe zur ARA abgeleitet werden.

 

Bund erarbeitet Strategie

 

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) startete im Jahr 2006 das Projekt "Strategie MicroPoll" mit dem Ziel, den Eintrag von Mikroverunreinigungen in die Gewässer langfristig zu verringern. Bis zum Ende des Jahres 2009 werden Ergebnisse erwartet, mit denen eine gesamtschweizerische Strategie für die Siedlungsentwässerung entworfen werden kann.


Allgemein - Spuren von Schmerzmitteln fast in jedem Fluss (05.06.2008 08:01)