Purchart (I.)

Purchart I

Nr. 19

 

Purchart I.

 

begann seine Regierung nach dem 26. Februar 958; er trat am 18. Mai 971 als Abt zurück.[i]

Purchart war der Sohn des allgäuischen Grafen Ulrich (V.), der sich in den Kämpfen gegen die Ungarn ausgezeichnet hatte, dann aber in ihre Gefangenschaft geraten war, aus der er jedoch nach drei Jahren wieder entweichen konnte. Seine Gemahlin Wendelgard hatte indessen mit Zustimmung des Bischofs in einer Klause neben jener der heiligen Wiborada den Schleier genommen. Als sie einst am Jahrestage des Verlustes ihres Gatten in Buchhorn Almosen spendete, kam dieser – wieder frei geworden – und mischte sich unter die Armen. Er gab sich dann zu erkennen und die Beiden lebten, mit bischöflicher Erlaubnis, wieder beieinander. Ungefähr um 930 wurde ihnen Purchart geboren. Einem Gelübde der Mutter zufolge wurde der körperlich stets schwache Knabe ins Kloster des hl. Gallus gebracht, wo er aufwuchs. Die vornehme Geburt Purcharts – nach Ekkehard wäre er ein Verwandter Ottos I. gewesen – wird auch durch die Annales Sang. maj. bezeugt: «successit Purchardus vir nobilis ex antiquorum regum prosapia ortus, sapiens et pulcher et decorus aspectu.» Sein Vater war wahrscheinlich ein Urgrossneffe Hildegards, der Gemahlin Karls des Grossen.[ii]

 

Unter Craloh war er, auf Walto folgend, bereits Dekan, wurde dann aber durch Ekkehard (I.) abgelöst. Letzterer sollte auch, wie Ekkehard berichtet, Craloh nachfolgen, hatte aber das Unglück vom Pferde zu fallen, so dass er hinkend wurde. Darum übertrug er im Einverständnis mit den Brüdern die Wahl auf Purchart, dessen Name im Liber Promissionum mehrfach vorkommt.[iii] Wie Ekkehard berichtet, suchten die Mönche mit dem Neugewählten den König Otto I. auf, um die Bestätigung der Wahl zu erlangen – die urkundlich nicht vorliegt. Aus dem Benehmen Ottos gegenüber Purchart muss man schliessen, dass dieser noch sehr jung – ungefähr 30 Jahre alt – war, als er die Würde erhielt, doch scheint das Ganze bei Ekkehard mehr anekdotenhaft erzählt zu sein (s. u.). Urkundlich erscheint Purchart erstmals in der Bulle Johannes XIII. vom Oktober 967, worin die Immunität des Stiftes bestätigt wird.[iv] In die Regierungszeit des Abtes fallen die Urkunden W. III. 807-12.

 

Trotzdem Purchart von schwächlicher Gesundheit war, wirkte er doch sehr eifrig. Er war mild gegen die Armen wie gegen seine Mitbrüder. In Ekkehard (I.) hatte er fortwährend einen treuen Berater. Was uns Ekkehard über seine Zerwürfnisse mit Abt Ruodmann von der Reichenau sowie über die Klostervisitationen berichtet, gehört zweifelsohne unter die Regierung seines Nachfolgers (s. d.). Infolge eines Unfalles – beim Besteigen eines ihm durch die Herzogin Hadwig geschenkten Pferdes renkte er den Oberschenkel aus – konnte er nur mehr an Krücken gehen. Mit Zustimmung der Brüder übergab er darum die äussere Verwaltung Richere, dem Sohne seines Bruders, seinem Kämmerer, während Ekkehard die innere Leitung besorgte.

 

Als Abt Purchart das Alter herannahen fühlte – wie Ekkehard allerdings im Widerspruch mit sich selber sagt, denn wenn Purchart 958 bei seiner Erhebung zum Abte noch so jugendlich war, konnte er nach 13-jähriger Amtsführung doch noch nicht so alt sein – liess er sich an dem Orte, wo Gallus einst seine Zelle hatte, eine Kapelle und ein Häuschen bauen, wohin er sich zurückziehen wollte. Aber Bischof Konrad von Konstanz widersetzte sich dem, angesichts der stets schwachen Gesundheit des Abtes. So zog er sich denn in den uns schon bekannten «Winkel der Alten» zurück und behielt die gleichen Güter bei, wie seine Vorgänger jeweilen nach ihrer Resignation. Nach Ekkehard hätte er noch seinen Nachfolger Notker überlebt, was nicht richtig sein kann. Er starb am 9. August[v] des Jahres 975, wie die Annales Sang maj. angeben. Sein getreuer Dekan Ekkehard (I.) war ihm am 14. Januar 973 vorangegangen.[vi]


 

[i] Ekkehard Casus c. 81, 86-122, n. 1405 und 1415

[ii] Vgl. Die annalistischen Aufzeichnungen des Klosters St.Gallen, Mitteilungen, p. 290, n. 224

[iii] Im Reichenauer Confraternitätsbuch 50b, 38

[iv] W. IV. Anhang Nr. 4, p. 954

[v] Necr.: V. Idus Aug. Transitus Purchardi venerandi abbatis

[vi] Vgl. Histor.-biogr. Lexikon der Schweiz II, 453